„Lis­ten der Verwal­tung“: Tagung in Wien

Mitteilung
27.04.26

Unter Beteiligung mehrerer Forscher:innen unseres SFB findet vom 27. bis 29. Mai in der Verwaltungs­akademie des Bundes in Wien eine Tagung zu „Listen der Verwaltung“ statt.


Mit Listen: Aufzählungen und -stellungen, einem Ins-Recht-Setzen durch Besitz­stands­anzeigen (die über­trag­bar im Sinne einer Mittei­lung werden), setzt Verwal­tung ein. Listen fungieren als Verzeichnis und Nach­weis, auch von Besitz, sie ordnen und erzeugen eine Reihen­folge und (sugge­rieren?) Priori­täten, sozu­sagen – da diachron wie synchron einsetzbar – von 1Ɐ und 2 Ɐ bis 1A und 1.A.a et cetera).
Listen der Verwaltung sind syste­matisch geführte, oft gesetz­lich vorge­schriebene Verzeich­nisse, die von öffent­lichen Behörden zur Erfassung, Organi­sation, Doku­menta­tion und Steue­rung von Informa­tionen für hoheit­liche Aufgaben genutzt werden. Als funda­mentaler Bestand­teil der Verwal­tungs­arbeit dienen sie in erster Linie der rechts­sicheren Doku­menta­tion (z. B. im Einwohner­melde­register oder Grund­buch), der Organi­sation und Steue­rung interner Abläufe (etwa durch Aufgaben- und Fristen­listen), sowie der Rechts­erzeu­gung und des -vollzugs, wobei einige Listen unmittel­bare Rechts­wirkung entfalten, wie das Wähler­verzeichnis, das die Wahl­berech­tigung begründet. Zudem bilden sie eine essen­tielle Grund­lage für die Infor­mations­gewinnung, Statistik und Ressourcen­planung, aber auch für die Gewäh­rung von Ansprüchen, die von Personen, die von den Listen nicht erfasst sind, nicht erhoben werden können, und die auch nicht auf etwas Anspruch erheben können, was in einer Liste (etwa der Bedarfs­listen für Sozial­leistungen) nicht aufgeführt ist.
So schlicht eine Liste zu sein scheint, so heikel ist ihre Benutzung. Verwal­tungen sehen sich mit erheb­lichen Problemen konfrontiert: Dazu zählen die Über­länge und Unüber­sicht­lich­keit stetig wachsender Verzeich­nisse, Zuordnungs­probleme aufgrund unklarer Kriterien, die dazu führen, dass Einträge nicht eindeutig zugeordnet werden können, sowie Daten­inkonsis­tenzen und -redundanzen. Je komplexer die Listen und so unklarer die Zuord­nungs­regeln, desto schwieriger wird es, Verwal­tungs­handeln vorher­sehbar auszu­lösen oder umzu­setzen.
Eine List der Verwaltung kann daher auch darin bestehen, ihre gesetz­lich vorge­schriebe­nen Listen so zu führen, dass die Entschei­dung über ein Anliegen bei der Behörde liegt und die Durch­setzung von Ansprüchen schwer fällt. Die Kom­plexität der Listen und die damit zusammen­hängen­den Zurech­nungs­probleme erleichtern es, Entschei­dungen auch unab­hängig von dem zu fällen, was in den Listen steht oder nicht steht.


Abstracts

Friedrich Balke
Schlagseiten der Liste. Souveräne Macht und ihre Bestreitung
Wenn souveräne Macht im Recht besteht, über Leben und Tod der ihr Unter­worfenen zu entscheiden, dann ist die Liste das Medium, in dem die Subjekte dieser Macht (als Mitglieds­staaten) völker­rechtlich auftreten bzw. enume­rierbar werden (die Liste ist prinzipiell erweiterbar oder reduzierbar) und zugleich der Erscheinungs­raum derjenigen, die im Rahmen militärischer Spezial­operationen als tötbar behandelt werden (Tötungs­listen als operative Medien souveräner Verfügungs­gewalt). Ausgehend von diesem Bündnis von Souveränität und Listen­erstellung, frage ich nach, nietzsche­anisch gesprochen, Möglich­keiten einer Umwer­tung der Liste als politisches Erinnerungs­medium – im Kontext memorialer Listen­bildung (Vietnam Memorial) sowie der NGO-Projekte zur listen­mäßigen Dokumen­tation der left-to-die-refugies, wie sie eine europä­ische Anti-Migrations­politik produziert. Die Liste lässt sich nicht auf ein Medium büro­kratischer Erfassung reduzieren. Ihre Fakten­basiert­heit kann zugleich einen politischen und ethischen Anspruch erheben.

Heinz Drügh
Über Listen. Verwaltungstechnik literarisch
Der Vortrag geht der Frage nach, was Listen, in verwaltungs­technischer Hinsicht Instrument der Schaffung von Ordnung und Verfahrens­rationalität, literarisch bedeuten. Etwa: den Ausdruck von Faszination und Hingabe (wie in den vielen Listen Susan Sontags) oder, spracht­heoretisch gesprochen, die Abbildung eines Paradigmas aufs Syntagma, also nach Jakobson einen Ausdruck der poetischen Funktion, der irgendwie auch immer quer steht zu naiv ‚realistischen‘ Settings. Wie hängen büro­kratische Nüchternheit und poetische Träumerei miteinander zusammen? Träumen wir verwaltend? Schaffen wir dichtend Ordnung?

Thomas Eder
Von der Liste zur Tabelle
Mein Vortrag wird zweigeteilt sein. Im ersten Teil möchte ich einige Verwen­dungen von sprach­lichen Listen in Werken der „Konkreten Poesie“ nach­zeichnen, ihr ästhe­tisches Wirk­potential ausloten (Heimrad Bäcker, Oskar Pastior, Helmut Heißenbüttel, Gerhard Rühm, Ann Cotten u. a.).
Im zweiten Teil werde ich mit einigen theore­tischen Überlegungen beginnen und darzulegen versuchen, wie und was eine Tabelle von einer Liste unterscheidet, um schließlich den Zuspitzungsfall Matrize und Matrizen­multi­plikation als Beispielfall einer schwierigen Selbst­beobach­tungs­aufgabe zu skizzieren. Es geht mir um die Frage, ob und inwieweit Notations­techniken mit kognitiven Prozessen zusammen­hängen.

Viktoria Ehrmann
„mit nützlichen Registern versehen“ Zur (Un-)Ordnung curioser, denckwürdiger, vernünfftiger, merckwürdiger, sonderbarer … Register der Frühen Neuzeit
Der Vortrag untersucht die Register der frühneu­zeit­lichen Buntschrift­stellerei als spezifische Ordnungs­techniken innerhalb eines literari­schen Feldes, das sich programmatisch der System­strenge entzieht. Die Bunt­schrift­stellerei, verstanden als polyhisto­rische, dem Prinzip der varietas verpflichtete Kompi­lations­literatur, gilt als die ‚ungeordnete‘ und ‚andere‘ Seite des enzyklo­pädischen Zeitalters. Umso bemerkens­werter ist die regel­mäßige Beigabe umfangreicher Register, die ein rasches Auffinden einzelner Wissens­elemente ermöglichen und, dank Mehrfach­registern, unter­schied­liche Zugriffs­möglich­keiten auf den Text eröffnen. Der Vortrag geht der Frage nach, wie Register in der Bunt­schrift­stellerei des 17. und 18. Jahrhunderts unterschied­liche Lektüre­modi program­mieren und dadurch die scheinbare Unordnung der Kompilations­literatur in funk­tionale Zugriffs­systeme überführen.

Therese Garstenauer
Über Listen/Überlisten der Disziplin: Wie Normübertretungen von öffentlich Bediensteten begangen, verborgen und entdeckt wurden
Mitunter kam es im dienstlichen oder privaten Leben von öffentlich Bediens­teten der Zwischen­kriegszeit zu Vorfällen, die nicht dazu geeignet waren, „das Standes­ansehen in und außer Dienst zu wahren, sich stets im Einklang mit den Anforde­rungen der Disziplin zu verhalten und alles zu vermeiden, was die Achtung und das Vertrauen, die seine Stellung erfordern, schmälern könnte“ (§ 24 der Dienst­pragmatik 1914). Mein Beitrag fokussiert auf die Listen, die einerseits darauf verwendet wurden, solche Vorfälle zu vertuschen, anderer­seits darauf, solche Vorfälle beweisbar zu machen – bis hin zu Fallen, die verdächtigten Kolleg:innen gestellt wurden. Auf Basis der Analyse zahlreicher solcher Normüber­tretungen und des Umgangs mit ihnen kann man von den Listen des Verbergens und Entdeckens zu einer Liste spezifischer Tugenden und Untugenden für öffentlich Bedienstete kommen.

Kathrin Kininger
Von Konfidenten und Elenchen. Das Informations­bureau des Ministeriums des Äußern
Listenförmige Behelfe, seien sie chrono­logisch, seien sie alpha­betisch, sind gleichsam der Akten­führung immanent. Ohne derartige Hilfs­mittel ließ und lässt sich der Akten­wust nicht bewältigen. Anhand der Überlie­ferung aus dem sogenannten Informations­bureau des Ministeriums des Äußern, das bis 1908 für staats­polizei­liche Ange­legen­heiten zuständig war, soll exem­plarisch gezeigt werden, welche „Listen“ einerseits für die Erfassung von Konfi­denten resp. Spitzeln, anderer­seits für die Evident­haltung von Bespitzelten und Über­wachten eingesetzt wurden. Für die Ablage des dadurch entstandenen Akten­materials wurden wiederum Hilfs­mittel wie Karteien, Indices, Protokolle und Elenche eingesetzt. Nur die genaue Kenntnis des Kanzlei­gebrauchs ermöglicht(e) den Zugang zu den Akten. Die Struktur und Gleich­förmig­keit der Registratur soll aber nicht davon ablenken, dass sich hinter jedem Namen auf der Liste Menschen­schicksale verbergen.

Livia Kleinwächter
Obsoletes listen. Inventarisierung und antizipiertes Verschwinden des Büros in Walter E. Richartz’ Büroroman
Anschaffungslisten, die Bedarf signalisieren, gehören zum Alltag in Organi­sations- und Verwaltungs­zusammen­hängen. Wie aber sieht es mit jenen Dingen und den mit ihnen verbundenen Praktiken aus, die dadurch ersetzt, also der Obsoles­zenz und dem Vergessen überant­wortet werden? Einen solchen Übergangs­zustand, bei dem die Dinge aus ihren ursprüng­lichen Funktions­zusammen­hängen gerissen werden, imaginiert Walter E. Richartz in seinem Büroroman von 1976. Das Prinzip der Liste überführt Richartz dabei in die Beschreibung eines Akteur-Netz­werkes avant la lettre, das die Büro­kultur zur Zeit der Roman­entstehung aufzeichnet und archiviert und im Rahmen eines frühen Automa­tisierungs­diskurses situiert, der nicht nur spezifische Objekte, Technologien und deren (papierne) Infrastruk­turen obsolet zu machen verspricht, sondern mitunter auch die mit ihnen verbun­denen menschlichen Akteur:innen und Beziehungs­geflechte. Der Vortrag widmet sich der Inszenierung und Funktion der im Roman listen­förmig präsen­tierten Konstel­lationen und Netzwerke, die sich realiter ebenso wenig wider­standslos auflösen wie ästhetisch in eine kohärente Narration integrieren lassen.

Alexa Lucke
Alternative Listen. Counter Data für das (Aus-)Lesen von Popularitätsmetriken in digitalen Fanforen
Popularität in digitalen Fan-Foren auf Plattformen wird anhand von User:innen-Votes, Ranking- und Sortier-Mechanismen, Views, Kommentar- und Reply-Anzahl sowie algorith­misch-techno­logischen Einflüssen u. v. m. nicht nur gemessen, sondern auch ko-produziert. Mein Beitrag erläutert und reflektiert verschiedene Ansätze aus dem Bereich der Counter Data, mit denen die Popula­ritäts­metriken und ihre quanti­tative Perfor­mativität kontrastiert werden, um ihre intrans­parenten Algorithmen und verborgenen Daten zu rekon­struieren und (aus-)lesen zu können. Dabei werden insbesondere alternative Listen, umgekehrte Sortierungen oder eigene Berech­nungen im Sinne eines reverse engineering eingesetzt, um das, was bei den Plattform-Praktiken und Rankings verborgen bleibt, sichtbar und ihre Wirkung auf soziale Inter­aktionen erforschbar zu machen. Die hierfür kreierten alternativen und diversen Datensätze folgen außerdem nicht nur der Logik von populärsten Beiträgen und follower­stärksten Accounts, sondern integrieren auch kaum oder nicht beachtete Posts und Threads mit niedrigen Scores.

Michael Multhammer
Der 10-Punkte-Plan. Versuch einer Annäherung in zehn Punkten
Verfügt die Administration über eine Allzweck­waffe, so ist es der 10-Punkte-Plan. Mit ihm lassen sich alle Arten von Problemen lösen oder doch zumindest eine Lösung simulieren, indem man unmittel­bare Tätigkeit und anpackenden Zugriff vorschützt, bis niemand sich mehr des Problems erinnert. Gleichwohl in seiner Absicht pragma­tisch ausgerichtet, ist der 10-Punkte-Plan zugleich zutiefst poetischer Natur (Eco), indem er eine Erzählung ermöglicht, die auf Zukunft ausgerichtet ist. Der Vortrag versucht dieser Janus­köpfigkeit nachzu­spüren, nebenbei zu klären, warum 11-Punkte-Pläne in aller Regel nicht sinnvoll sind und nicht zuletzt die zentrale Frage zu stellen: Ist der 10-Punkte-Plan überhaupt eine Liste – oder ist er vielmehr eine List der Verwaltung?

Tobias Orfgen
‚sich versichern‘ Listen in Kathrin Bachs Roman Lebensversicherung (2025)
Listen erkennt man daran, dass sie Listen sind. Die Aussage, der Debütroman Lebens­versicherung (2025) der Lyrikerin Kathrin Bach sei von der Form der Liste als ihn durchdringendes poetolo­gisches Prinzip geformt, müsste nicht aufwändig begründet werden – sie ist ersichtlich: Auflistungen von Räumen und Serien, litaneiähnliche Strukturen, Inventar­listen, Verzeichnisse bestimmter Ereignisse, Auflistungen dessen, was die Erzählerin über bestimmte Menschen weiß, Listen von Tätigkeiten und idioma­tischen Aussprüchen und Floskeln, Sammlung ‚wichtiger‘ Versiche­rungen. Die Affordanz der Liste (von Contzen 2017), also die Offenheit ihres Funktions­spektrums bei eben jener auf den ersten Blick erkennbaren Form relativer Geschlossenheit, macht es aber unbedingt notwendig, nach den situativ konkreten Funktionen spezifischer Listen zu fragen. Der Vortrag möchte nun genau dies: die Funktionen von Listen für die Figuren und die Erzählerin sowie jene der literarischen Verfahren des Enume­rativen des Romans beschreiben. In dieser Geschichte einer Versicherungs­vertreter:innen-Familie sind adminis­trative Listen und Register schon allein beruflich Alltag, das Verfassen lexika­lischer Listen aber auch Reaktion auf Ängste (der persön­lichen, mitunter untrennbar mit jenen inter­genera­tionell übertra­genen der Nachkriegs­gesell­schaft verwoben), das Führen retro­spektiver Listen Form, sich seiner selbst zu versichern. Auf der Makroeben des Romans (der Liste der Listen, der seriellen Reihung einzelner Listen) wird die Liste für die schreibende Erzählerin schließlich thera­peutisch – die literarische Liste bietet die Befreiung aus jener Angst­struktur, dessen Ausdruck und schützende Entlastungs­handlung die praktischen Listen der Verwaltung einer Versicherungs­vertretung aber auch der Verwaltung eigenen Lebens und dessen Bestände für sie sind und waren.

Matthias Schaffrick
Die populäre Verwaltung affektiver Intensität. Die Vermisstenlisten in der Gartenlaube
Eine äußerst beliebte Rubrik in der Wochen­zeitschrift Die Gartenlaube waren die Vermissten­listen. In den 1860er Jahren finden sich zunächst einzelne Vermissten­anzeigen im „Familien-Blatt“. Die Listen, die mehrere solcher Fälle versammeln, werden Anfang 1870 ein zwar unregel­mäßig publizierter, aber fester Bestandteil der Gartenlaube. Zunächst werden „Vermißte Landsleute jenseits des Ozeans“ gesucht, während des Deutsch-Französi­schen Krieges 1870/71 sind es dann „Vermißte Soldaten unseres Krieges“. Die Rubrik findet extrem viel Resonanz, über eintausend Vermissten­gesuche liegen der Redaktion Anfang 1873 vor. Ein bemerkens­wertes Verhältnis besteht zwischen diesen Vermissten­listen und den Preußi­schen Verlust­listen, die als Anlage des Königlich-Preußischen Staats-Anzeigers veröffent­licht werden. Die staatlichen Listen sortieren das Schicksal der Soldaten nach „V.“ für „Verwundet“, „L. v.“ für „Leicht verwundet“, „S. v.“ für „Schwer verwundet“, „S.“ für „Schuß“, „T.“ für „Todt“. Wer als „Verm.“, also „Vermißt“ gilt, nach dem wird häufig mithilfe der Gartenlaube gesucht. Die Erfolgs­geschichte dieser Listen hat viele Gründe: Die Möglichkeit, Nachrichten über wieder­aufge­tauchte Angehörige verbreiten zu können, ein politisches Anliegen der Angehö­rigen zu vertreten, die seriell-rekursive Struktur der Zeitschrift zu stärken, aber vor allem affektive Intensität („signalisirendste Schicksale“) auf populäre Weise zu verwalten.

Fabian Steinhauer
Fähnchen im Wind. Über Bilderlisten
In ihrem 2000 erschienenen Buch zu den „Akten“ assoziiert Cornelia Vismann amazonische Wellenlinien, die ein Verwalter 1938 aus Anlass eines Besuches von Claude Lévi-Strauss zeichnet, mit der sogenannten Notitia dignitatum, einer Akte, die seit dem Augenblick kursieren soll, den Marie-Theres Fögen die „Enteignung der Wahrsager“ genannt hat. Diese Assoziation ist eine List, die Vismann über Listen begreift. Der Vortrag geht ihr nach.

Veronika Tacke
Exklusionslisten. Beobachtungen zur Bürokratie der „Arisierung“
Konkreter Gegenstand des Beitrags werden in Archiven aufgefundene Verwaltungs­listen einer Stadtver­waltung sowie der übergeord­neten Landes­verwaltung zwischen 1933 und 1938 sein. Sie bezeichnen und verzeichnen ein bemerkens­wertes, neuartiges Objekt: „jüdische Einzel­handels­geschäfte“ bzw. allgemeiner „jüdische Gewerbe­betriebe“. Ich werde diese Listen als Exklusions­listen auffassen und beschreiben, dazu verdeut­lichen, wie und unter welchen Voraus­setzungen sie entstehen, wie und wo sie hergestellt und prozessiert werden sowie dann mit dem Ziel fortge­schrieben werden, die Gelis­teten aus der Wirt­schaft und damit der Gesell­schaft auszu­schließen. Da es um Verwaltung geht, ahnt man aber bereits, dass die Streichung der Betriebe von bzw. auf der Liste zwar das Ende der Betriebe bedeutet, nicht aber das Ende der Liste selbst.

Anton Tantner
Ordnung der Bilder, Unordnung der Herzen: Nummern in kaiserlichen Listen
Zur Inventarisierung habsburgischer Besitz­tümer wurden ab dem 18. Jahrhundert zunehmend Nummern eingesetzt, um den Bezug von in einer Liste verzeich­netem Objekt zum Gegen­stand selbst zu garantieren. Im Zentrum meines Beitrags steht die Nummern­vergabe zum einen für die Gemälde der kaiser­lichen Sammlungen, zum anderen für die „human remains“ des Herrscher­hauses, denn auch die Leiber, Eingeweide und Herzen waren nicht davor gefeit, durch­einander­zugeraten.

Benno Wagner
Zählen und Erzählen: Kafkas Listen. Oder: Wie funktioniert Kulturversicherung?

  1. „Listen kommunizieren nicht, sie kontrollieren Übertragungs­vorgänge“ (C. Vismann).
  2. „In der Kontiguisierung von Paradig­men und in der Paradig­matisierung von Kontexten vollzieht sich so etwas wie kulturelle Poiesis“ (M. Baßler).

Diese beiden listentechnischen Einsichten bilden die beiden notwen­digen Bedingungen, den Nordpol (Vismann) und den Südpol (Baßler) für jede angemessene Modellierung des Kafka’schen Schreib­verfahrens. Während freilich die Unfall- und Betriebs­listen, die Kafka im Büro der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs­anstalt zur ‚Beäußerung‘ der ihm obliegenden Einspruchs­verfahren zu studieren hatte, der Über­tragung gleich­artiger Einzelfälle in statistische Gesamt­heiten dienten, so basiert die kulturelle Poiesis auf der Anordnung ähnlicher Einzelfälle (Kontexte) zu mehr oder weniger hellen ‚Nachahmungs­strahlen‘ (G. Tarde) unter jedem Kontiguitäts­knoten des Syntagmas seiner Erzählungen. In meinem Vortrag werde ich listen­theoretisch entfalten, wie Kafkas literarisches Verfahren der statistischen Implemen­tierung des pastoralen omnes et singulatim in der Sozial­versicherung (der Versammlung gleich­artiger Fälle unter einem Risikokalkül) seine semiotische Implemen­tierung zu einer ‚Kultur­versicherung‘ zur Seite stellt.

Niels Werber
Listen im Büro
1996 erscheint ein Roman von Johannes Jacobus Voskuil, einem 1926 geborenen Niederlandisten, der 1957 eine Stelle beim Amster­damer Instituut voor Dialec­tologie, Volks- en Naamkunde angenommen und dort zunächst als Hilfskraft, dann als wissen­schaft­licher Beamter und Abteilungs­leiter bis zu seiner Pensio­nierung im Jahr 1987 gearbeitet hat. Der Roman heißt Meneer Beerta. Es ist der erste Band einer Reihe von sieben Romanen; den Abschluss macht 2000 De dood van Maarten Koning. Die Reihe trägt nunmehr den Titel Das Büro und wird von 1 bis 7 durch­nummeriert. Der Zyklus umfasst 5400 Druckseiten. Die Romane sind aus der intern fokalisierten Mitsicht des wissen­schaft­lichen Beamten Maarten Koning erzählt und beschränken sich vollständig auf Wahr­nehmungen, Gedanken, Inter­aktionen und Kommuni­kationen, die das Büro für Volks­kunde betreffen, in dem Koning arbeitet. Kein einziger Satz ist ohne Bezug zum Büro, und sei es, dass im Büro vom Frankreich­urlaub berichtet wird, Koning von Kollegen träumt oder daheim noch ein Vortrag für das Büro geschrieben werden muss. Das Leben Maarten Konings kann so über vierzig Jahr hinweg verfolgt werden, man lernt seine Familie und seine Freunde kennen – aber nur, soweit im Büro über sie gesprochen wird oder er mit ihnen über das Büro spricht. Das Büro ist eine Auto­fiktion, die nicht – wie üblich – von einem aufdring­lichen Ich-Erzähler präsentiert wird, sondern von einer genau beobach­tenden und protokol­lierenden Instanz. Listen spielen in diesem Werk eine dreifache Rolle:

  • als Verwaltungs- und Aufschreibe­technik der Beamten im Büro
  • als Täuschung, Intrige, Bluff oder Hinterlist
  • als Peritext

In allen Fällen gilt: ‚So schlicht eine Liste zu sein scheint, so heikel ist ihre Benutzung.‘ Ich möchte in meinem Vortrag versuchen, die Nutzung von Listen in der Verwaltung und die Hinterlist im Büro in ein Verhältnis zu setzen.