„Listen der Verwaltung“: Tagung in Wien
Unter Beteiligung mehrerer Forscher:innen unseres SFB findet vom 27. bis 29. Mai in der Verwaltungsakademie des Bundes in Wien eine Tagung zu „Listen der Verwaltung“ statt.
Mit Listen: Aufzählungen und -stellungen, einem Ins-Recht-Setzen durch Besitzstandsanzeigen (die übertragbar im Sinne einer Mitteilung werden), setzt Verwaltung ein. Listen fungieren als Verzeichnis und Nachweis, auch von Besitz, sie ordnen und erzeugen eine Reihenfolge und (suggerieren?) Prioritäten, sozusagen – da diachron wie synchron einsetzbar – von 1Ɐ und 2 Ɐ bis 1A und 1.A.a et cetera).
Listen der Verwaltung sind systematisch geführte, oft gesetzlich vorgeschriebene Verzeichnisse, die von öffentlichen Behörden zur Erfassung, Organisation, Dokumentation und Steuerung von Informationen für hoheitliche Aufgaben genutzt werden. Als fundamentaler Bestandteil der Verwaltungsarbeit dienen sie in erster Linie der rechtssicheren Dokumentation (z. B. im Einwohnermelderegister oder Grundbuch), der Organisation und Steuerung interner Abläufe (etwa durch Aufgaben- und Fristenlisten), sowie der Rechtserzeugung und des -vollzugs, wobei einige Listen unmittelbare Rechtswirkung entfalten, wie das Wählerverzeichnis, das die Wahlberechtigung begründet. Zudem bilden sie eine essentielle Grundlage für die Informationsgewinnung, Statistik und Ressourcenplanung, aber auch für die Gewährung von Ansprüchen, die von Personen, die von den Listen nicht erfasst sind, nicht erhoben werden können, und die auch nicht auf etwas Anspruch erheben können, was in einer Liste (etwa der Bedarfslisten für Sozialleistungen) nicht aufgeführt ist.
So schlicht eine Liste zu sein scheint, so heikel ist ihre Benutzung. Verwaltungen sehen sich mit erheblichen Problemen konfrontiert: Dazu zählen die Überlänge und Unübersichtlichkeit stetig wachsender Verzeichnisse, Zuordnungsprobleme aufgrund unklarer Kriterien, die dazu führen, dass Einträge nicht eindeutig zugeordnet werden können, sowie Dateninkonsistenzen und -redundanzen. Je komplexer die Listen und so unklarer die Zuordnungsregeln, desto schwieriger wird es, Verwaltungshandeln vorhersehbar auszulösen oder umzusetzen.
Eine List der Verwaltung kann daher auch darin bestehen, ihre gesetzlich vorgeschriebenen Listen so zu führen, dass die Entscheidung über ein Anliegen bei der Behörde liegt und die Durchsetzung von Ansprüchen schwer fällt. Die Komplexität der Listen und die damit zusammenhängenden Zurechnungsprobleme erleichtern es, Entscheidungen auch unabhängig von dem zu fällen, was in den Listen steht oder nicht steht.


Abstracts
Friedrich Balke
Schlagseiten der Liste. Souveräne Macht und ihre Bestreitung
Wenn souveräne Macht im Recht besteht, über Leben und Tod der ihr Unterworfenen zu entscheiden, dann ist die Liste das Medium, in dem die Subjekte dieser Macht (als Mitgliedsstaaten) völkerrechtlich auftreten bzw. enumerierbar werden (die Liste ist prinzipiell erweiterbar oder reduzierbar) und zugleich der Erscheinungsraum derjenigen, die im Rahmen militärischer Spezialoperationen als tötbar behandelt werden (Tötungslisten als operative Medien souveräner Verfügungsgewalt). Ausgehend von diesem Bündnis von Souveränität und Listenerstellung, frage ich nach, nietzscheanisch gesprochen, Möglichkeiten einer Umwertung der Liste als politisches Erinnerungsmedium – im Kontext memorialer Listenbildung (Vietnam Memorial) sowie der NGO-Projekte zur listenmäßigen Dokumentation der left-to-die-refugies, wie sie eine europäische Anti-Migrationspolitik produziert. Die Liste lässt sich nicht auf ein Medium bürokratischer Erfassung reduzieren. Ihre Faktenbasiertheit kann zugleich einen politischen und ethischen Anspruch erheben.
Heinz Drügh
Über Listen. Verwaltungstechnik literarisch
Der Vortrag geht der Frage nach, was Listen, in verwaltungstechnischer Hinsicht Instrument der Schaffung von Ordnung und Verfahrensrationalität, literarisch bedeuten. Etwa: den Ausdruck von Faszination und Hingabe (wie in den vielen Listen Susan Sontags) oder, sprachtheoretisch gesprochen, die Abbildung eines Paradigmas aufs Syntagma, also nach Jakobson einen Ausdruck der poetischen Funktion, der irgendwie auch immer quer steht zu naiv ‚realistischen‘ Settings. Wie hängen bürokratische Nüchternheit und poetische Träumerei miteinander zusammen? Träumen wir verwaltend? Schaffen wir dichtend Ordnung?
Thomas Eder
Von der Liste zur Tabelle
Mein Vortrag wird zweigeteilt sein. Im ersten Teil möchte ich einige Verwendungen von sprachlichen Listen in Werken der „Konkreten Poesie“ nachzeichnen, ihr ästhetisches Wirkpotential ausloten (Heimrad Bäcker, Oskar Pastior, Helmut Heißenbüttel, Gerhard Rühm, Ann Cotten u. a.).
Im zweiten Teil werde ich mit einigen theoretischen Überlegungen beginnen und darzulegen versuchen, wie und was eine Tabelle von einer Liste unterscheidet, um schließlich den Zuspitzungsfall Matrize und Matrizenmultiplikation als Beispielfall einer schwierigen Selbstbeobachtungsaufgabe zu skizzieren. Es geht mir um die Frage, ob und inwieweit Notationstechniken mit kognitiven Prozessen zusammenhängen.
Viktoria Ehrmann
„mit nützlichen Registern versehen“ Zur (Un-)Ordnung curioser, denckwürdiger, vernünfftiger, merckwürdiger, sonderbarer … Register der Frühen Neuzeit
Der Vortrag untersucht die Register der frühneuzeitlichen Buntschriftstellerei als spezifische Ordnungstechniken innerhalb eines literarischen Feldes, das sich programmatisch der Systemstrenge entzieht. Die Buntschriftstellerei, verstanden als polyhistorische, dem Prinzip der varietas verpflichtete Kompilationsliteratur, gilt als die ‚ungeordnete‘ und ‚andere‘ Seite des enzyklopädischen Zeitalters. Umso bemerkenswerter ist die regelmäßige Beigabe umfangreicher Register, die ein rasches Auffinden einzelner Wissenselemente ermöglichen und, dank Mehrfachregistern, unterschiedliche Zugriffsmöglichkeiten auf den Text eröffnen. Der Vortrag geht der Frage nach, wie Register in der Buntschriftstellerei des 17. und 18. Jahrhunderts unterschiedliche Lektüremodi programmieren und dadurch die scheinbare Unordnung der Kompilationsliteratur in funktionale Zugriffssysteme überführen.
Therese Garstenauer
Über Listen/Überlisten der Disziplin: Wie Normübertretungen von öffentlich Bediensteten begangen, verborgen und entdeckt wurden
Mitunter kam es im dienstlichen oder privaten Leben von öffentlich Bediensteten der Zwischenkriegszeit zu Vorfällen, die nicht dazu geeignet waren, „das Standesansehen in und außer Dienst zu wahren, sich stets im Einklang mit den Anforderungen der Disziplin zu verhalten und alles zu vermeiden, was die Achtung und das Vertrauen, die seine Stellung erfordern, schmälern könnte“ (§ 24 der Dienstpragmatik 1914). Mein Beitrag fokussiert auf die Listen, die einerseits darauf verwendet wurden, solche Vorfälle zu vertuschen, andererseits darauf, solche Vorfälle beweisbar zu machen – bis hin zu Fallen, die verdächtigten Kolleg:innen gestellt wurden. Auf Basis der Analyse zahlreicher solcher Normübertretungen und des Umgangs mit ihnen kann man von den Listen des Verbergens und Entdeckens zu einer Liste spezifischer Tugenden und Untugenden für öffentlich Bedienstete kommen.
Kathrin Kininger
Von Konfidenten und Elenchen. Das Informationsbureau des Ministeriums des Äußern
Listenförmige Behelfe, seien sie chronologisch, seien sie alphabetisch, sind gleichsam der Aktenführung immanent. Ohne derartige Hilfsmittel ließ und lässt sich der Aktenwust nicht bewältigen. Anhand der Überlieferung aus dem sogenannten Informationsbureau des Ministeriums des Äußern, das bis 1908 für staatspolizeiliche Angelegenheiten zuständig war, soll exemplarisch gezeigt werden, welche „Listen“ einerseits für die Erfassung von Konfidenten resp. Spitzeln, andererseits für die Evidenthaltung von Bespitzelten und Überwachten eingesetzt wurden. Für die Ablage des dadurch entstandenen Aktenmaterials wurden wiederum Hilfsmittel wie Karteien, Indices, Protokolle und Elenche eingesetzt. Nur die genaue Kenntnis des Kanzleigebrauchs ermöglicht(e) den Zugang zu den Akten. Die Struktur und Gleichförmigkeit der Registratur soll aber nicht davon ablenken, dass sich hinter jedem Namen auf der Liste Menschenschicksale verbergen.
Livia Kleinwächter
Obsoletes listen. Inventarisierung und antizipiertes Verschwinden des Büros in Walter E. Richartz’ Büroroman
Anschaffungslisten, die Bedarf signalisieren, gehören zum Alltag in Organisations- und Verwaltungszusammenhängen. Wie aber sieht es mit jenen Dingen und den mit ihnen verbundenen Praktiken aus, die dadurch ersetzt, also der Obsoleszenz und dem Vergessen überantwortet werden? Einen solchen Übergangszustand, bei dem die Dinge aus ihren ursprünglichen Funktionszusammenhängen gerissen werden, imaginiert Walter E. Richartz in seinem Büroroman von 1976. Das Prinzip der Liste überführt Richartz dabei in die Beschreibung eines Akteur-Netzwerkes avant la lettre, das die Bürokultur zur Zeit der Romanentstehung aufzeichnet und archiviert und im Rahmen eines frühen Automatisierungsdiskurses situiert, der nicht nur spezifische Objekte, Technologien und deren (papierne) Infrastrukturen obsolet zu machen verspricht, sondern mitunter auch die mit ihnen verbundenen menschlichen Akteur:innen und Beziehungsgeflechte. Der Vortrag widmet sich der Inszenierung und Funktion der im Roman listenförmig präsentierten Konstellationen und Netzwerke, die sich realiter ebenso wenig widerstandslos auflösen wie ästhetisch in eine kohärente Narration integrieren lassen.
Alexa Lucke
Alternative Listen. Counter Data für das (Aus-)Lesen von Popularitätsmetriken in digitalen Fanforen
Popularität in digitalen Fan-Foren auf Plattformen wird anhand von User:innen-Votes, Ranking- und Sortier-Mechanismen, Views, Kommentar- und Reply-Anzahl sowie algorithmisch-technologischen Einflüssen u. v. m. nicht nur gemessen, sondern auch ko-produziert. Mein Beitrag erläutert und reflektiert verschiedene Ansätze aus dem Bereich der Counter Data, mit denen die Popularitätsmetriken und ihre quantitative Performativität kontrastiert werden, um ihre intransparenten Algorithmen und verborgenen Daten zu rekonstruieren und (aus-)lesen zu können. Dabei werden insbesondere alternative Listen, umgekehrte Sortierungen oder eigene Berechnungen im Sinne eines reverse engineering eingesetzt, um das, was bei den Plattform-Praktiken und Rankings verborgen bleibt, sichtbar und ihre Wirkung auf soziale Interaktionen erforschbar zu machen. Die hierfür kreierten alternativen und diversen Datensätze folgen außerdem nicht nur der Logik von populärsten Beiträgen und followerstärksten Accounts, sondern integrieren auch kaum oder nicht beachtete Posts und Threads mit niedrigen Scores.
Michael Multhammer
Der 10-Punkte-Plan. Versuch einer Annäherung in zehn Punkten
Verfügt die Administration über eine Allzweckwaffe, so ist es der 10-Punkte-Plan. Mit ihm lassen sich alle Arten von Problemen lösen oder doch zumindest eine Lösung simulieren, indem man unmittelbare Tätigkeit und anpackenden Zugriff vorschützt, bis niemand sich mehr des Problems erinnert. Gleichwohl in seiner Absicht pragmatisch ausgerichtet, ist der 10-Punkte-Plan zugleich zutiefst poetischer Natur (Eco), indem er eine Erzählung ermöglicht, die auf Zukunft ausgerichtet ist. Der Vortrag versucht dieser Janusköpfigkeit nachzuspüren, nebenbei zu klären, warum 11-Punkte-Pläne in aller Regel nicht sinnvoll sind und nicht zuletzt die zentrale Frage zu stellen: Ist der 10-Punkte-Plan überhaupt eine Liste – oder ist er vielmehr eine List der Verwaltung?
Tobias Orfgen
‚sich versichern‘ Listen in Kathrin Bachs Roman Lebensversicherung (2025)
Listen erkennt man daran, dass sie Listen sind. Die Aussage, der Debütroman Lebensversicherung (2025) der Lyrikerin Kathrin Bach sei von der Form der Liste als ihn durchdringendes poetologisches Prinzip geformt, müsste nicht aufwändig begründet werden – sie ist ersichtlich: Auflistungen von Räumen und Serien, litaneiähnliche Strukturen, Inventarlisten, Verzeichnisse bestimmter Ereignisse, Auflistungen dessen, was die Erzählerin über bestimmte Menschen weiß, Listen von Tätigkeiten und idiomatischen Aussprüchen und Floskeln, Sammlung ‚wichtiger‘ Versicherungen. Die Affordanz der Liste (von Contzen 2017), also die Offenheit ihres Funktionsspektrums bei eben jener auf den ersten Blick erkennbaren Form relativer Geschlossenheit, macht es aber unbedingt notwendig, nach den situativ konkreten Funktionen spezifischer Listen zu fragen. Der Vortrag möchte nun genau dies: die Funktionen von Listen für die Figuren und die Erzählerin sowie jene der literarischen Verfahren des Enumerativen des Romans beschreiben. In dieser Geschichte einer Versicherungsvertreter:innen-Familie sind administrative Listen und Register schon allein beruflich Alltag, das Verfassen lexikalischer Listen aber auch Reaktion auf Ängste (der persönlichen, mitunter untrennbar mit jenen intergenerationell übertragenen der Nachkriegsgesellschaft verwoben), das Führen retrospektiver Listen Form, sich seiner selbst zu versichern. Auf der Makroeben des Romans (der Liste der Listen, der seriellen Reihung einzelner Listen) wird die Liste für die schreibende Erzählerin schließlich therapeutisch – die literarische Liste bietet die Befreiung aus jener Angststruktur, dessen Ausdruck und schützende Entlastungshandlung die praktischen Listen der Verwaltung einer Versicherungsvertretung aber auch der Verwaltung eigenen Lebens und dessen Bestände für sie sind und waren.
Matthias Schaffrick
Die populäre Verwaltung affektiver Intensität. Die Vermisstenlisten in der Gartenlaube
Eine äußerst beliebte Rubrik in der Wochenzeitschrift Die Gartenlaube waren die Vermisstenlisten. In den 1860er Jahren finden sich zunächst einzelne Vermisstenanzeigen im „Familien-Blatt“. Die Listen, die mehrere solcher Fälle versammeln, werden Anfang 1870 ein zwar unregelmäßig publizierter, aber fester Bestandteil der Gartenlaube. Zunächst werden „Vermißte Landsleute jenseits des Ozeans“ gesucht, während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 sind es dann „Vermißte Soldaten unseres Krieges“. Die Rubrik findet extrem viel Resonanz, über eintausend Vermisstengesuche liegen der Redaktion Anfang 1873 vor. Ein bemerkenswertes Verhältnis besteht zwischen diesen Vermisstenlisten und den Preußischen Verlustlisten, die als Anlage des Königlich-Preußischen Staats-Anzeigers veröffentlicht werden. Die staatlichen Listen sortieren das Schicksal der Soldaten nach „V.“ für „Verwundet“, „L. v.“ für „Leicht verwundet“, „S. v.“ für „Schwer verwundet“, „S.“ für „Schuß“, „T.“ für „Todt“. Wer als „Verm.“, also „Vermißt“ gilt, nach dem wird häufig mithilfe der Gartenlaube gesucht. Die Erfolgsgeschichte dieser Listen hat viele Gründe: Die Möglichkeit, Nachrichten über wiederaufgetauchte Angehörige verbreiten zu können, ein politisches Anliegen der Angehörigen zu vertreten, die seriell-rekursive Struktur der Zeitschrift zu stärken, aber vor allem affektive Intensität („signalisirendste Schicksale“) auf populäre Weise zu verwalten.
Fabian Steinhauer
Fähnchen im Wind. Über Bilderlisten
In ihrem 2000 erschienenen Buch zu den „Akten“ assoziiert Cornelia Vismann amazonische Wellenlinien, die ein Verwalter 1938 aus Anlass eines Besuches von Claude Lévi-Strauss zeichnet, mit der sogenannten Notitia dignitatum, einer Akte, die seit dem Augenblick kursieren soll, den Marie-Theres Fögen die „Enteignung der Wahrsager“ genannt hat. Diese Assoziation ist eine List, die Vismann über Listen begreift. Der Vortrag geht ihr nach.
Veronika Tacke
Exklusionslisten. Beobachtungen zur Bürokratie der „Arisierung“
Konkreter Gegenstand des Beitrags werden in Archiven aufgefundene Verwaltungslisten einer Stadtverwaltung sowie der übergeordneten Landesverwaltung zwischen 1933 und 1938 sein. Sie bezeichnen und verzeichnen ein bemerkenswertes, neuartiges Objekt: „jüdische Einzelhandelsgeschäfte“ bzw. allgemeiner „jüdische Gewerbebetriebe“. Ich werde diese Listen als Exklusionslisten auffassen und beschreiben, dazu verdeutlichen, wie und unter welchen Voraussetzungen sie entstehen, wie und wo sie hergestellt und prozessiert werden sowie dann mit dem Ziel fortgeschrieben werden, die Gelisteten aus der Wirtschaft und damit der Gesellschaft auszuschließen. Da es um Verwaltung geht, ahnt man aber bereits, dass die Streichung der Betriebe von bzw. auf der Liste zwar das Ende der Betriebe bedeutet, nicht aber das Ende der Liste selbst.
Anton Tantner
Ordnung der Bilder, Unordnung der Herzen: Nummern in kaiserlichen Listen
Zur Inventarisierung habsburgischer Besitztümer wurden ab dem 18. Jahrhundert zunehmend Nummern eingesetzt, um den Bezug von in einer Liste verzeichnetem Objekt zum Gegenstand selbst zu garantieren. Im Zentrum meines Beitrags steht die Nummernvergabe zum einen für die Gemälde der kaiserlichen Sammlungen, zum anderen für die „human remains“ des Herrscherhauses, denn auch die Leiber, Eingeweide und Herzen waren nicht davor gefeit, durcheinanderzugeraten.
Benno Wagner
Zählen und Erzählen: Kafkas Listen. Oder: Wie funktioniert Kulturversicherung?
- „Listen kommunizieren nicht, sie kontrollieren Übertragungsvorgänge“ (C. Vismann).
- „In der Kontiguisierung von Paradigmen und in der Paradigmatisierung von Kontexten vollzieht sich so etwas wie kulturelle Poiesis“ (M. Baßler).
Diese beiden listentechnischen Einsichten bilden die beiden notwendigen Bedingungen, den Nordpol (Vismann) und den Südpol (Baßler) für jede angemessene Modellierung des Kafka’schen Schreibverfahrens. Während freilich die Unfall- und Betriebslisten, die Kafka im Büro der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt zur ‚Beäußerung‘ der ihm obliegenden Einspruchsverfahren zu studieren hatte, der Übertragung gleichartiger Einzelfälle in statistische Gesamtheiten dienten, so basiert die kulturelle Poiesis auf der Anordnung ähnlicher Einzelfälle (Kontexte) zu mehr oder weniger hellen ‚Nachahmungsstrahlen‘ (G. Tarde) unter jedem Kontiguitätsknoten des Syntagmas seiner Erzählungen. In meinem Vortrag werde ich listentheoretisch entfalten, wie Kafkas literarisches Verfahren der statistischen Implementierung des pastoralen omnes et singulatim in der Sozialversicherung (der Versammlung gleichartiger Fälle unter einem Risikokalkül) seine semiotische Implementierung zu einer ‚Kulturversicherung‘ zur Seite stellt.
Niels Werber
Listen im Büro
1996 erscheint ein Roman von Johannes Jacobus Voskuil, einem 1926 geborenen Niederlandisten, der 1957 eine Stelle beim Amsterdamer Instituut voor Dialectologie, Volks- en Naamkunde angenommen und dort zunächst als Hilfskraft, dann als wissenschaftlicher Beamter und Abteilungsleiter bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1987 gearbeitet hat. Der Roman heißt Meneer Beerta. Es ist der erste Band einer Reihe von sieben Romanen; den Abschluss macht 2000 De dood van Maarten Koning. Die Reihe trägt nunmehr den Titel Das Büro und wird von 1 bis 7 durchnummeriert. Der Zyklus umfasst 5400 Druckseiten. Die Romane sind aus der intern fokalisierten Mitsicht des wissenschaftlichen Beamten Maarten Koning erzählt und beschränken sich vollständig auf Wahrnehmungen, Gedanken, Interaktionen und Kommunikationen, die das Büro für Volkskunde betreffen, in dem Koning arbeitet. Kein einziger Satz ist ohne Bezug zum Büro, und sei es, dass im Büro vom Frankreichurlaub berichtet wird, Koning von Kollegen träumt oder daheim noch ein Vortrag für das Büro geschrieben werden muss. Das Leben Maarten Konings kann so über vierzig Jahr hinweg verfolgt werden, man lernt seine Familie und seine Freunde kennen – aber nur, soweit im Büro über sie gesprochen wird oder er mit ihnen über das Büro spricht. Das Büro ist eine Autofiktion, die nicht – wie üblich – von einem aufdringlichen Ich-Erzähler präsentiert wird, sondern von einer genau beobachtenden und protokollierenden Instanz. Listen spielen in diesem Werk eine dreifache Rolle:
- als Verwaltungs- und Aufschreibetechnik der Beamten im Büro
- als Täuschung, Intrige, Bluff oder Hinterlist
- als Peritext
In allen Fällen gilt: ‚So schlicht eine Liste zu sein scheint, so heikel ist ihre Benutzung.‘ Ich möchte in meinem Vortrag versuchen, die Nutzung von Listen in der Verwaltung und die Hinterlist im Büro in ein Verhältnis zu setzen.