Jahrestagung 2026 – Populäre Geopolitik
21. – 23. Oktober 2026
Universität Siegen
Obergraben 25
Raum US-S 002
57072 Siegen
Externe Gäste sind herzlich willkommen!
Für unsere Planung bitten wir um Anmeldung bei Estelle Adler: estelle.adler@student.uni-siegen.de
Seit der Krieg zurück ist in Europa, werden Räumen und Raumsemantiken wieder größere Dringlichkeit beigemessen. Auch die Realpolitik kommt nicht mehr ohne geopolitische Referenzen aus. Die hoffnungsvolle Erwartung, dass neueste Medien und Technologien den Raum abschaffen oder supranationale Einrichtungen geostrategische Machtprojektionen obsolet werden lassen, wird kaum noch geteilt.
Die große Beachtung, die das Geopolitische in jüngster Zeit erfährt, ist jedoch nicht unproblematisch: Gerade besonders populäre Konzeptionen verdanken ihren Erfolg nicht notwendig ihrem Sachgehalt, sondern einer Aufmerksamkeitsökonomie, deren Logiken anderen Regeln folgen als denen der Politik- oder Geschichtswissenschaften, der Humangeographie oder der Raumsoziologie.
Die Fragestellung des SFB 1472 zielt auf die Bedingungen und Folgen der Popularität oder Nicht-Popularität geopolitischer Begriffe, Mythen, Topoi und Analysen, die in den westlichen Gesellschaften kursieren und mittlerweile das politische Handeln wie auch die wissenschaftliche Reflexion mitbestimmen. Warum hat ein geopolitisches Szenario, das als Buch zum Bestseller wird, größere Chancen, den Diskurs zu prägen als andere Ansätze? Welche Folgen hat das Format des Wissenschaftspodcasts für die Perspektive auf geostrategische Krisen?
Große öffentliche Beachtung für wenige Akteure und Szenarien impliziert, dass andere Akteure und Szenarien keine oder wenig Aufmerksamkeit finden und auch in der politischen Entscheidungsfindung keine Rolle spielen. Es wäre vorstellbar, dass geopolitische Klischees von großer Popuarität die Bestimmung der Lage gerade verhindern, weil sie alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und damit zugleich andere Ansätze und Expertise unsichtbar werden lassen. Die viel beschworene Ökonomie der Aufmerksamkeit betrifft – dies ist die Arbeitshypothese des SFB – auch geopolitische Fragen. Wer dringende geopolitische Fragen popularisiert, um politische Beachtung zu finden, begibt sich in eine Arena, in der Resonanz nicht nur von wissenschaftlicher Stimmigkeit abhängt, sondern auch von Prominenz, Inszenierungstalent, rhetorischer Prägnanz oder dem Mut zur Vereinfachung. Jedenfalls stehen Popularität und geopolitischer Diskurs in einem intrikaten Verhältnis – und genau dieses Verhältnis macht die Jahrestagung 2026 zu ihrem Thema.
Programm
14:00 – 15:00 Uhr
Niels Werber (Siegen)
Populäre und nicht-populäre Geopolitik. Konjunkturen der Beachtung
15:00 – 16:00 Uhr
Ian Klinke (Oxford)
Lebensraum: Anmerkungen zum Unpopulären
16:00 – 16:30 Uhr
Kaffeepause
16:30 – 17:30 Uhr
Annette Werberger (Frankfurt/Oder)
Kulturalisierte Geopolitik in der Ideengeschichte Russlands
17:30 – 18:30 Uhr
Klaus Schlichte (Bremen)
Wissensproduktion und „Geopolitik“ in Frankreich und Deutschland
19:00 Uhr
Abendessen
10:00 – 11:00 Uhr
Ulrike Jureit (Hamburg)
Der Begriff des Geo-Politischen: Die Rede vom Globalen Süden als populäre Freund-Feind-Unterscheidung im postkolonialen Narrativ
11:00 – 12:00 Uhr
Jörg Lau (Berlin)
Wiederkehr der „Gelben Gefahr“? Der deutsche China-Diskurs im Umbruch
12:00 – 13:30 Uhr
Mittagspause
13:30 – 14:30 Uhr
Benedikt Korf (Zürich)
Weltmacht gegen Weltkirche: Zur neuen Geopolitik des Katholizismus
14:30 – 15:30 Uhr
Patricia Chiantera-Stutte (Bari)
Ein Clash der Rezeptionen: Der „Kampf der Kulturen“ in populärer Geopolitik und Wissenschaft
15:30 – 16:00 Uhr
Kaffeepause
16:00 – 17:00 Uhr
Jörg Döring (Siegen)
Szenarien der Geopolitik im populären erzählenden Sachbuch
17:00 – 18:00 Uhr
Lars Koch (Dresden)
Über die „moralische Phantasie“ des Dritten Weltkriegs. Atomangst und Geopolitik in der westdeutschen Literatur der 1980er Jahre
19:00 Uhr
Abendessen
09:00 – 10:00 Uhr
Johannes Paßmann (Bochum)
Die leise Geopolitik der Infrastrukturen. US-amerikanische Web-Technologien auf Nachrichtenseiten in BRICS-Staaten, 2012–2025
10:00 – 11:00 Uhr
Annika Matissek (Freiburg)
Aus bösen Waffen werden gute Waffen? Zeitenwende und Imagewandel in der Rüstungsindustrie
11:00 – 11:30 Uhr
Kaffeepause
11:30 – 12:30 Uhr
Henning Hetzer & Olaf Theiler (Berlin)
Immer ergebnisoffen, aber selten populär? – Erfahrungen und Einsichten aus der Zukunftsanalyse in der Bundeswehr
12:30 – 13:30 Uhr
Philip Manow & Sven Hillen (Siegen)
Das Nationale und das Transnationale. Über einen neuen Strukturierungsfaktor des Parteienwettbewerbs
Abstracts
Populäre und nicht-populäre Geopolitik. Konjunkturen der Beachtung
In den Hochzeiten der deutschen Geopolitik um 1900 (Friedrich Ratzel, Rudolf Kjellén) oder in den 1930 und 1930er (Karl Haushofer, Adolf Grabowsky) hat gerade die große Popularität des Diskurses und seiner Lieblingsthemen dafür gesorgt, dass große Bereiche der internationalen Beziehungen, des Völkerrechts und der politischen Geographie keine Beachtung gefunden haben. Dieses nur scheinbare Paradox lässt sich auch heute beobachten: Populäre Geopolitik führt zur Nicht-Beachtung von Problemlagen und Herausforderungen, die dann auch in der politischen Entscheidungsfindung keine Rolle spielen. Diesem Risiko der Popularität eines medienöffentlich wieder sehr präsenten Diskurses geht der Vortrag nach.
Lebensraum: Anmerkungen zum Unpopulären
Der Begriff Lebensraum mag in Deutschland entstanden sein und dort seine Blüte
erlebt haben, doch ist er kein genuin deutsches Projekt. Heute fristet der Lebensraum – ein Paradebeispiel für einen „toxischen“ Begriff – ein Schattendasein. Er wird geleugnet, ignoriert, zurückgenommen, und man macht sich über ihn lustig. Und doch ist er präsent. Selbst dort, wo das Wort Lebensraum fehlt, kann die von ihm bezeichnete Logik fortbestehen: als ein Instrument, mit dem der geopolitische Habenichts ein klandestines Begehren nach dem zum Ausdruck bringt, was jenseits der Grenzen eines gegebenen Territoriums liegt – und in manchen Fällen sogar jenseits der Grenzen dieses Planeten.
Kulturalisierte Geopolitik in der Ideengeschichte Russlands
In Europa wurde selten so viel über Grenzziehung und Territorium diskutiert wie seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Raum besitzt in Russland eine besondere Qualität, denn ein riesiger Raum gehört zum kulturellen, messianischen Mythos des Landes, der die imperiale Denkweise vom „Dritten Rom“ über „Neurussland“ bis zu „Von-Wladiwostok-bis-Lissabon“ nährt: Wenn Tjutschew 1848 noch in seinem Gedicht „Russische Geographie“ den nationalen Raummythos in Verse packt, so reicht im 21. Jahrhundert die kuratierte Frage eines Kindes an Putin, wo denn Russland ende, um die „Grenzenlosigkeit“ Russlands offiziell im Fernsehen zu bestätigen. „Russische Idee“, Schullektüre und neueste geopolitische Parolen greifen ineinander, um den „natürlichen“ russischen Anspruch auf Raum zu befestigen. Die Raumsemantik wird dabei immer wieder sprachlich und kulturell modernisiert. Es ist somit nicht verwunderlich, dass das größte Land der Welt seine Geschichte aggressiv raumgreifend denkt: Das Innen und Außen Russlands wird als Grenze von Freund und Feind, russischer Welt und Europa, russländisch und russophob betrachtet, weswegen Grenzen als Gebiete des geopolitischen Konflikts und der bedrohlichen „Einkreisung“ kulturell verwaltet werden. Dieser Zusammenhang von Mythos und Geopolitik soll im Vortrag anhand von historischen und aktuellen Beispielen aufgezeigt werden.
Wissensproduktion und „Geopolitik“ in Frankreich und Deutschland
In kritischer Auseinandersetzung mit der jüngeren Renaissance geopolitischer Figuren in den Diskursen über internationale Politik geht der Beitrag der Frage nach, wie sich die Arten der Wissensproduktion und -vermittlung zwischen Sozialwissenschaften, politisch-administrativer Ebene und medial-vermittelter Öffentlichkeit zueinander verhalten. Der Beitrag liefert dazu erste Einsichten aus einem laufenden Forschungsprojekt zur Wissensproduktion in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik.
Der Begriff des Geo-Politischen: Die Rede vom *Globalen Süden* als populäre Freund-Feind-Unterscheidung im postkolonialen Narrativ
Hans Blumenberg notierte in einer Art Zettelkasten, dass der Zeitgeist ein Phänomen sei, das es nicht nur dahingehend zu untersuchen gelte, was dieser enthalte, sondern auch wie Zeitgeistigkeit ihre Dominanz ausübe, wie sie Zuspruch herstelle und Gegenargumente diskreditiere. Dass die Rede vom Globalen Süden etwas Zeitgeistiges hat, liegt wohl auf der Hand. Grundlegend hierfür ist ein Verständnis, das einen historisch gewachsenen Zusammenhalt der zum Globalen Süden gerechneten Länder annimmt und diesen in erster Linie auf deren koloniale Vergangenheit zurückführt. Zugleich wird davon ausgegangen, dass dieser vermeintlich gemeinschaftsstiftende Erfahrungsraum nicht nur ökonomische Benachteiligung, politische Instabilität und bis heute fortdauernde Ausbeutungsverhältnisse hervorgebracht hat, sondern dass es sich beim europäischen Kolonialismus zudem um eine dem Holocaust gleichzusetzende oder doch zumindest gleichrangig zu bewertende Unrechts- und Gewaltgeschichte handelt.
Der Vortrag zielt darauf, den Ausdruck Globaler Süden als ein diskursiv imaginiertes Großraumkonstrukt mit geopolitischer Grundausstattung kenntlich zu machen und die dafür relevanten Interdependenzen zwischen Raumvorstellung, Benennungsmacht und Weltdeutung aufzuzeigen. Dabei fungiert die eher diffuse Erfahrungskategorie des Kolonialen wie ein kultureller Code für diejenigen, die sich im weitesten Sinne als Opfer (post-)kolonialen Unrechts verstehen oder sich mit diesen solidarisch erklären. Der Vortrag wird mithilfe des auf Clifford Geertz zurückgehenden Konzepts des public code die Mechanismen analysieren, die den Globalen Süden zu einem überaus populären Raumbild werden ließen.
Wiederkehr der „Gelben Gefahr“? Der deutsche China-Diskurs im Umbruch
Seit einiger Zeit macht die Rede von einem „China-Schock 2.0“ in der deutschen Debatte die Runde. Die Debatte über eine drohende (oder schon stattfindende) Deindustrialisierung Deutschlands durch gezielte Industriepolitik Chinas findet vor dem Hintergrund der verfehlten Russlandpolitik statt. Die unterliegende Maxime lautet: Das darf uns nie wieder passieren, nie wieder übermäßige Abhängigkeit.
Was ist an diesem Diskurs rational, was ist Panik? Wie fordert die Veränderung, ja vielleicht die Umkehr des Verhältnisses Deutschlands zu China die politische und wirtschaftliche Identität des Landes heraus? Ein ganzer Strauß von Konzepten steht in Frage: „Technologieoffenheit“, „Exportorientierung“, „Just in time-Produktion“, „Freihandel“, „Industriepolitik“, „Technologietransfer“, „geistiges Eigentum“ – keiner dieser fundamentalen Begriffe bietet in dieser Krise noch Orientierung. Jörg Lau besichtigt das Debatten-Schlachtfeld als teilnehmender Beobachter.
Weltmacht gegen Weltkirche: Zur neuen Geopolitik des Katholizismus
Als am 8. Mai 2025 Robert Francis Kardinal Prevost zum 267. Bischof von Rom und Papst gewählt wurde, reagierte US-Präsident Donald Trump begeistert: Zum ersten Mal in der zweitausendjährigen Geschichte der katholischen Weltkirche war ein US-Amerikaner neues Oberhaupt der katholischen Kirche. Mittlerweile hat sich der anfängliche Enthusiasmus gelegt: Seit Monaten liefert sich die Trump-Administration verbale Scharmützel mit dem Vatikan, teilweise wird dieser Disput direkt zwischen Papst und Präsident ausgetragen. Besonders delikat sind diese Streitereien nicht nur, weil bei den letzten Wahlen eine Mehrheit der Katholiken in den USA für Donald Trump als Präsident gestimmt hatten, sondern auch, weil prominente Regierungsvertreter der Trump-Administration sich als gläubige Katholiken positionieren: Vizepräsident JD Vance, ein Konvertit, stellte dabei mehrfach die Theologie des Papstes offen in Frage, während Secretary of State Marco Rubio eher den Part des diplomatischen Vermittlers spielt, der die Wogen glättet. Verhandelt wird in diesen Disputen nicht nur die
Ein Clash der Rezeptionen: Der „Kampf der Kulturen“ in populärer Geopolitik und Wissenschaft
Samuel P. Huntingtons berühmtes Buch The Clash of Civilizations (dt. Der Kampf der Kulturen, 1996) soll im Licht seiner gespaltenen und viel diskutierten Rezeption untersucht werden: Einerseits wurde es von der akademischen Gemeinschaft bei seinem Erscheinen offen abgelehnt (Said, Todorov, Zakaria); andererseits galt es führenden Politikern der neuen Rechten (Alain de Benoist, Dugin, Bannon) als Erklärungsmodell und wurde in einigen äußerst populären geopolitischen Werken (Robert Kaplan) enthusiastisch aufgenommen.
Der Beitrag untersucht diesen „Clash der Rezeptionen“ – zunächst anhand einer Beschreibung der wichtigsten Beispiele aus der akademischen und der populären Rezeption des Buchs, sodann durch die Formulierung einiger Hypothesen. Hat diese ausgeprägte Spaltung mit veränderten politischen Bedingungen zu tun? Oder mit unterschiedlichen subjektiven Perspektiven – konkret: mit dem Gegensatz zwischen kosmopolitischen Intellektuellen-Eliten und der breiten Bevölkerung? Oder liegt es an der simplifizierenden Sprache Huntingtons, die durch die Vereinfachung komplexer Wirklichkeiten eine besondere Anziehungskraft auf das Publikum ausübt?
Szenarien der Geopolitik im populären erzählenden Sachbuch
Der Vortrag geht von der Hypothese aus, dass die kurrente Popularisierung der Geopolitik im öffentlichen Diskurs der BRD nicht zuletzt über erfolgreiche erzählende Sachbücher erzeugt und abgesichert wird. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive sollen am Beispiel von Florence Gaubs Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel (2025), Carlo Masalas Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario (2025) und Tim Marshalls Die Macht der Geographie (2015, Orig.: Prisoners of Geography) Erzählformen und Erzählerverhalten untersucht werden, mit denen beim Leser Evidenzgewinne für geopolitische Annahmen erwirtschaftet werden. Anders als beim populären Storytelling der Narrative Non-Fiction im Genre des Memoirs sollen im geopolitischen Bestseller Anschaulichkeit, Übersicht und Involvement gerade nicht durch Vergangenheitsbezug, sondern durch eine suggestive Form der Prognostik erzeugt werden. Theatergeschichtlich verweist die Raummetapher des Szenariums auf die Tradition des Stegreifspiels zurück: ein „Anhaltspunkt“ (von Wilpert) für die Praktiker auf und hinter der Bühne. Was aber, wenn das Publikum selbst die Szenarien liest?
Über die „moralische Phantasie“ des Dritten Weltkriegs. Atomangst und Geopolitik in der westdeutschen Literatur der 1980er Jahre
Der Vortrag untersucht vier westdeutsche Romane, die in den frühen 1980er Jahren im Kontext von NATO-Doppelbeschluss, Friedensbewegung und nuklearer Eskalationsangst erschienen: Anton-Andreas Guhas Ende. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg, Gerhard Zwerenz’ Der Bunker, Dieter Königs Feuerblumen und Udo Oskar Rabschs Julius oder der schwarze Sommer. Im Zentrum steht die These, dass diese Texte populäre Geopolitik als Affektpolitik betreiben: Sie übersetzen die abstrakte Logik der Blockkonfrontation, der strategischen Kalküle und der atomaren Vernichtungsdrohung in Nahszenarien des Körpers, der Familie, der Landschaft und des Alltags. Angst erscheint dabei nicht als irrationales Gegenstück politischer Vernunft, sondern als epistemischer Affekt, der Wahrnehmung ermöglichen und zu politischem Handeln motivieren soll. Die Romane zielen so darauf ab, die Apokalypse-Blindheit des westdeutschen Imaginären zu überwinden. Sie wollen erfahrbar machen, was im Diskurs der Abschreckung abstrakt bleibt: dass der Dritte Weltkrieg nicht bloß eine geopolitische Option, sondern das Ende von Geschichte, Zukunft und Erinnerung wäre. Indem sie literarische Szenarien des Atomkriegs entwerfen, entsprechen die hier behandelten Romane Günther Anders’ Prinzip der moralischen Phantasie, der es darum geht, über die Produktion populärer Schreckbilder einen kollektiven „Mut zur Angst“ zu stiften.
Die leise Geopolitik der Infrastrukturen. US-amerikanische Web-Technologien auf Nachrichtenseiten in BRICS-Staaten, 2012–2025
Wenige Tage nach Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 ersetzt Russia Today sein kalifornisches Kommentarsystem Disqus durch das russische Tolstoy Comments. Aus infrastrukturtheoretischer Sicht ist weniger der Wechsel bemerkenswert als seine Verspätung: Infrastruktur wird gerade im Moment ihres Bruchs sichtbar (Susan Leigh Star) – und sie ist zäh, weil sie auf einer installierten Basis ruht.
Der Vortrag nimmt diesen Fall zum Ausgangspunkt für eine Technografie der geopolitischen Ver- und Entkopplung von Web-Infrastrukturen, soweit sie über Web-Archive zugänglich ist. An einem Sample reichweitenstarker Nachrichten-Websites aus den BRICS-Staaten verfolgen wir, wann und mit welchen Brüchen – etwa der Krim-Annexion 2014 und der Vollinvasion 2022 – US-amerikanische und europäische Technologien (Kommentarsoftware, aber auch Analytics, Schriftarten oder CDNs) nationalen Alternativen weichen. Neben die laute Popularität geopolitischer Szenarien tritt so eine leise Geopolitik der Infrastrukturen und Standards, in der Beachtung unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle ausgehandelt wird. Web-Infrastrukturen dienen dabei als bislang kaum erschlossene Quelle: verhältnismäßig gut archiviert, bilden sie nicht nur (geopolitisch relevante) Diskurse und ihre Transformationen ab, sondern sind selbst Spuren einer materiellen Praxis, die von diesen Diskursen erheblich abweichen kann.
Aus bösen Waffen werden gute Waffen? Zeitenwende und Imagewandel in der Rüstungsindustrie
Mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine und der sich dramatisch verändernden Rolle der USA im globalen Spiel der geopolitischen Bündnisse werden in Deutschland geopolitische Sicherheitsfragen verstärkt politisch und medial artikuliert. Insbesondere wird verstärkt die Notwendigkeit einer eigenständigen Verteidigungsfähigkeit Deutschlands beschworen. Diese veränderte geopolitische Lage trifft in Deutschland auf einen Kontext, in dem das Militär traditionell seit dem Zweiten Weltkrieg eher skeptisch gesehen wird und in dem zudem seit Ende des Kalten Krieges der Abbau der Rüstungsproduktion besonders deutlich erfolgt ist. Vor diesem Hintergrund fallen die Aufrüstung und die Steigerung von Investitionen in die Rüstungsindustrie in Deutschland derzeit besonders massiv aus. Der Vortrag untersucht, wie sich das Image der Rüstungsindustrie und auf diese bezogene wirtschaftsgeographische Diskurse seit der „Zeitenwende“ verändern. Dabei wird deutlich, dass die diskursiven Repräsentationen der Rüstungsindustrie sich einerseits von einem „Schmuddelimage“ hin zu einem als notwendig angesehenen Wirtschaftszweig entwickeln – andererseits sind diese Entwicklungen sowohl umstritten und uneinheitlich als auch mit unterschiedlichen raumbezogenen Zuschreibungen verknüpft.
Immer ergebnisoffen, aber selten populär? Erfahrungen und Einsichten aus der Zukunftsanalyse in der Bundeswehr
Seit 20 Jahren gibt es Zukunftsanalyse in der Bundeswehr, aber erst die letzten Jahre haben den Bedarf an Erkenntnissen aus diesem Bereich deutlich ansteigen lassen. Im Vortrag soll ein ebenso kurzer wie kritischer Bericht aus den Erfahrungen der letzten 20 Jahre vorgestellt werden, der Erfolge ebenso wie Misserfolge präsentiert und analysiert sowie anhand eines praktischen Beispiels die Möglichkeiten und Grenzen der Methode darstellt.
Das Nationale und das Transnationale. Über einen neuen Strukturierungsfaktor des Parteienwettbewerbs
Zunehmend entzünden sich politische Konflikte an einer Dimension, die man sich etwa als zwischen „demarcation“ und „integration“ verlaufend vorstellen kann: Die Frage, in welchem Verhältnis das Nationale zum Supra- oder Transnationalen stehen soll, führt in wachsendem Maße zu polaren Positionierungen von Parteien und Wählern. Zu diesem Komplex gehören die Migrationspolitik, die Klimapolitik, aber wohl auch Fragen der „regelbasierten Weltordnung“ versus „Orientierung an nationalen Interessen“ – und damit auch die Geopolitik. Der Vortrag adressiert diesen Themenkomplex theoretisch-konzeptionell und empirisch.