Jahres­ta­gung 2026 – Popu­läre Geopo­li­tik

Jahrestagung

21. – 23. Oktober 2026
Universität Siegen
Obergraben 25
Raum US-S 002
57072 Siegen

Lageplan

Externe Gäste sind herz­lich will­kommen!
Für unsere Planung bitten wir um Anmel­dung bei Estelle Adler: estelle.adler@student.uni-siegen.de

Seit der Krieg zurück ist in Europa, werden Räumen und Raum­seman­tiken wieder größere Dring­lich­keit bei­gemes­sen. Auch die Real­politik kommt nicht mehr ohne geo­politi­sche Refe­renzen aus. Die hoff­nungs­volle Erwar­tung, dass neueste Medien und Techno­logien den Raum abschaffen oder supra­natio­nale Einrich­tungen geo­strate­gische Macht­projek­tionen obsolet werden lassen, wird kaum noch geteilt.

Die große Beach­tung, die das Geo­politi­sche in jüngster Zeit erfährt, ist jedoch nicht unproble­matisch: Gerade beson­ders popu­läre Konzep­tionen verdanken ihren Erfolg nicht not­wendig ihrem Sach­gehalt, sondern einer Aufmerk­sam­keits­ökono­mie, deren Logiken anderen Regeln folgen als denen der Politik- oder Geschichts­wissen­schaften, der Human­geogra­phie oder der Raum­sozio­logie.

Die Frage­stellung des SFB 1472 zielt auf die Bedin­gungen und Folgen der Popularität oder Nicht-Popularität geo­politi­scher Begriffe, Mythen, Topoi und Analy­sen, die in den west­lichen Gesell­schaften kursieren und mittler­weile das politi­sche Handeln wie auch die wissen­schaft­liche Reflexion mitbe­stimmen. Warum hat ein geo­politi­sches Szenario, das als Buch zum Best­seller wird, größere Chancen, den Diskurs zu prägen als andere Ansätze? Welche Folgen hat das Format des Wissen­schafts­podcasts für die Per­spek­tive auf geo­strate­gische Krisen?

Große öffentliche Beachtung für wenige Akteure und Szena­rien impliziert, dass andere Akteure und Szena­rien keine oder wenig Auf­merk­sam­keit finden und auch in der politi­schen Entschei­dungs­findung keine Rolle spielen. Es wäre vorstell­bar, dass geo­politi­sche Klischees von großer Popu­arität die Bestim­mung der Lage gerade verhin­dern, weil sie alle Aufmerk­sam­keit auf sich ziehen und damit zugleich andere Ansätze und Exper­tise unsichtbar werden lassen. Die viel beschwo­rene Ökono­mie der Auf­merk­sam­keit betrifft – dies ist die Arbeits­hypo­these des SFB – auch geo­politi­sche Fragen. Wer drin­gende geo­politi­sche Fragen popula­risiert, um politi­sche Beach­tung zu finden, begibt sich in eine Arena, in der Reso­nanz nicht nur von wissen­schaft­licher Stimmig­keit abhängt, sondern auch von Promi­nenz, Insze­nierungs­talent, rheto­rischer Präg­nanz oder dem Mut zur Verein­fachung. Jeden­falls stehen Popu­larität und geo­politi­scher Diskurs in einem intrika­ten Verhält­nis – und genau dieses Verhält­nis macht die Jahres­tagung 2026 zu ihrem Thema.

Programm

21.10.26

14:00 – 15:00 Uhr

Niels Werber (Siegen)

Popu­läre und nicht-popu­läre Geopo­li­tik. Konjunk­tu­ren der Beach­tung

21.10.26

15:00 – 16:00 Uhr

Ian Klinke (Oxford)

Lebens­raum: Anmer­kun­gen zum Unpo­pu­lä­ren

21.10.26

16:00 – 16:30 Uhr

Kaffee­pause

21.10.26

16:30 – 17:30 Uhr

Annette Werber­ger (Frank­furt/Oder)

Kultu­ra­li­sierte Geopo­li­tik in der Ideen­­­ge­schichte Russ­­lands

21.10.26

17:30 – 18:30 Uhr

Klaus Schlichte (Bremen)

Wissen­s­pro­duk­tion und „Geo­po­li­tik“ in Frank­reich und Deut­sch­land

21.10.26

19:00 Uhr

Abend­es­sen

22.10.26

10:00 – 11:00 Uhr

Ulrike Jureit (Hamburg)

Der Begriff des Geo-Poli­ti­schen: Die Rede vom Globa­len Süden als popu­läre Freund-Feind-Unter­­schei­­dung im post­­ko­lo­ni­a­len Narra­tiv

22.10.26

11:00 – 12:00 Uhr

Jörg Lau (Berlin)

Wieder­kehr der „Gel­ben Gefahr“? Der deut­sche China-Diskurs im Umbruch

22.10.26

12:00 – 13:30 Uhr

Mittags­pause

22.10.26

13:30 – 14:30 Uhr

Bene­dikt Korf (Zürich)

Welt­macht gegen Welt­kir­che: Zur neuen Geopo­li­tik des Katho­li­­zis­mus

22.10.26

14:30 – 15:30 Uhr

Patri­cia Chian­tera-Stutte (Bari)

Ein Clash der Rezep­ti­o­nen: Der „Kampf der Kultu­ren“ in popu­lä­rer Geopo­li­tik und Wissen­­schaft

22.10.26

15:30 – 16:00 Uhr

Kaffee­pause

22.10.26

16:00 – 17:00 Uhr

Jörg Döring (Siegen)

Szena­rien der Geopo­li­tik im popu­lä­ren erzäh­len­den Sach­buch

22.10.26

17:00 – 18:00 Uhr

Lars Koch (Dres­den)

Über die „mora­li­sche Phan­ta­sie“ des Drit­ten Welt­­kriegs. Atom­angst und Geopo­li­tik in der west­­deut­­schen Lite­ra­tur der 1980er Jahre

22.10.26

19:00 Uhr

Abend­es­sen

23.10.26

09:00 – 10:00 Uhr

Johan­nes Paßmann (Bochum)

Die leise Geopo­li­tik der Infra­­struk­tu­ren. US-ameri­­ka­ni­­sche Web-Tech­no­lo­gien auf Nach­rich­ten­­sei­ten in BRICS-Staa­ten, 2012–2025

23.10.26

10:00 – 11:00 Uhr

Annika Matis­sek (Frei­burg)

Aus bösen Waffen werden gute Waffen? Zeiten­­wende und Image­wan­del in der Rüstungs­­­in­dus­trie

23.10.26

11:00 – 11:30 Uhr

Kaffee­pause

23.10.26

11:30 – 12:30 Uhr

Henning Hetzer & Olaf Thei­ler (Berlin)

Immer ergeb­ni­s­of­fen, aber selten popu­lär? – Erfah­run­gen und Einsich­ten aus der Zukunfts­­­ana­lyse in der Bundes­­wehr

23.10.26

12:30 – 13:30 Uhr

Philip Manow & Sven Hillen (Siegen)

Das Nati­o­nale und das Trans­na­tio­nale. Über einen neuen Struk­tu­rie­rungs­­fak­tor des Partei­en­­wet­t­­be­werbs

Abstracts

Niels Werber

Populäre und nicht-populäre Geopolitik. Konjunkturen der Beachtung

In den Hochzeiten der deutschen Geopolitik um 1900 (Friedrich Ratzel, Rudolf Kjellén) oder in den 1930 und 1930er (Karl Haus­hofer, Adolf Grabow­sky) hat gerade die große Popu­larität des Diskur­ses und seiner Lieblings­themen dafür gesorgt, dass große Bereiche der inter­natio­nalen Bezie­hungen, des Völker­rechts und der politi­schen Geogra­phie keine Beach­tung gefunden haben. Dieses nur schein­bare Paradox lässt sich auch heute beob­achten: Populäre Geopolitik führt zur Nicht-Beach­tung von Problem­lagen und Heraus­forde­rungen, die dann auch in der politi­schen Entschei­dungs­findung keine Rolle spielen. Diesem Risiko der Popu­larität eines medien­öffent­lich wieder sehr präsenten Diskur­ses geht der Vortrag nach.

Ian Klinke

Lebensraum: Anmerkungen zum Unpopulären

Der Begriff Lebensraum mag in Deutschland entstanden sein und dort seine Blüte
erlebt haben, doch ist er kein genuin deutsches Projekt. Heute fristet der Lebensraum – ein Parade­beispiel für einen „toxischen“ Begriff – ein Schatten­dasein. Er wird geleugnet, ignoriert, zurück­genommen, und man macht sich über ihn lustig. Und doch ist er präsent. Selbst dort, wo das Wort Lebensraum fehlt, kann die von ihm bezeich­nete Logik fort­bestehen: als ein Instru­ment, mit dem der geopoli­tische Habe­nichts ein klandes­tines Begehren nach dem zum Ausdruck bringt, was jenseits der Grenzen eines gegebenen Territo­riums liegt – und in manchen Fällen sogar jenseits der Grenzen dieses Planeten.

Annette Werberger

Kulturalisierte Geopolitik in der Ideengeschichte Russlands

In Europa wurde selten so viel über Grenzziehung und Territo­rium disku­tiert wie seit dem Beginn des russi­schen Angriffs­kriegs gegen die Ukraine. Raum besitzt in Russ­land eine beson­dere Qualität, denn ein riesiger Raum gehört zum kultu­rellen, messia­nischen Mythos des Landes, der die imperiale Denk­weise vom „Dritten Rom“ über „Neuruss­land“ bis zu „Von-Wladi­wostok-bis-Lissabon“ nährt: Wenn Tjutschew 1848 noch in seinem Gedicht „Russische Geographie“ den natio­nalen Raum­mythos in Verse packt, so reicht im 21. Jahr­hundert die kura­tierte Frage eines Kindes an Putin, wo denn Russland ende, um die „Grenzen­losig­keit“ Russ­lands offiziell im Fern­sehen zu bestä­tigen. „Russische Idee“, Schul­lektüre und neueste geopoliti­sche Parolen greifen inein­ander, um den „natür­lichen“ russi­schen Anspruch auf Raum zu befes­tigen. Die Raum­semantik wird dabei immer wieder sprach­lich und kulturell moder­nisiert. Es ist somit nicht verwun­derlich, dass das größte Land der Welt seine Geschichte aggressiv raum­greifend denkt: Das Innen und Außen Russ­lands wird als Grenze von Freund und Feind, russi­scher Welt und Europa, russ­ländisch und russo­phob betrachtet, weswegen Grenzen als Gebiete des geo­politi­schen Konflikts und der bedroh­lichen „Einkrei­sung“ kulturell verwaltet werden. Dieser Zusammen­hang von Mythos und Geopolitik soll im Vortrag anhand von histori­schen und aktuellen Beispielen aufgezeigt werden.

Klaus Schlichte

Wissensproduktion und „Geopolitik“ in Frankreich und Deutschland

In kritischer Auseinandersetzung mit der jüngeren Renais­sance geopoli­tischer Figuren in den Diskur­sen über inter­natio­nale Politik geht der Beitrag der Frage nach, wie sich die Arten der Wissens­produk­tion und -vermitt­lung zwischen Sozial­wissen­schaften, politisch-adminis­trativer Ebene und medial-vermittelter Öffent­lichkeit zuein­ander verhalten. Der Beitrag liefert dazu erste Einsichten aus einem laufenden Forschungs­projekt zur Wissens­produk­tion in der deutschen Außen- und Sicher­heits­politik.

Ulrike Jureit

Der Begriff des Geo-Politischen: Die Rede vom *Globalen Süden* als populäre Freund-Feind-Unterscheidung im postkolonialen Narrativ

Hans Blumenberg notierte in einer Art Zettel­kasten, dass der Zeitgeist ein Phäno­men sei, das es nicht nur dahin­gehend zu unter­suchen gelte, was dieser enthalte, sondern auch wie Zeit­geistig­keit ihre Domi­nanz ausübe, wie sie Zuspruch herstelle und Gegen­argu­mente diskre­ditiere. Dass die Rede vom Globalen Süden etwas Zeitgeis­tiges hat, liegt wohl auf der Hand. Grund­legend hierfür ist ein Verständnis, das einen histo­risch gewach­senen Zusammen­halt der zum Globalen Süden gerech­neten Länder annimmt und diesen in erster Linie auf deren koloniale Vergan­genheit zurück­führt. Zugleich wird davon ausge­gangen, dass dieser vermeint­lich gemein­schafts­stiftende Erfahrungs­raum nicht nur ökono­mische Benach­teili­gung, politische Insta­bilität und bis heute fort­dauernde Ausbeu­tungs­verhält­nisse hervor­gebracht hat, sondern dass es sich beim europä­ischen Kolonia­lismus zudem um eine dem Holo­caust gleich­zuset­zende oder doch zumin­dest gleich­rangig zu bewer­tende Unrechts- und Gewalt­geschichte handelt.
Der Vortrag zielt darauf, den Ausdruck Globaler Süden als ein diskursiv imagi­niertes Groß­raum­konstrukt mit geopoli­tischer Grund­ausstat­tung kennt­lich zu machen und die dafür rele­vanten Inter­depen­denzen zwischen Raum­vorstel­lung, Benen­nungs­macht und Welt­deutung aufzu­zeigen. Dabei fungiert die eher diffuse Erfahrungs­kate­gorie des Kolo­nialen wie ein kultu­reller Code für dieje­nigen, die sich im weitesten Sinne als Opfer (post-)kolo­nialen Unrechts verstehen oder sich mit diesen solida­risch erklären. Der Vortrag wird mithilfe des auf Clifford Geertz zurück­gehenden Konzepts des public code die Mecha­nismen analy­sieren, die den Globalen Süden zu einem überaus popu­lären Raum­bild werden ließen.

Jörg Lau

Wiederkehr der „Gelben Gefahr“? Der deutsche China-Diskurs im Umbruch

Seit einiger Zeit macht die Rede von einem „China-Schock 2.0“ in der deut­schen Debatte die Runde. Die Debatte über eine drohende (oder schon statt­findende) Deindus­triali­sierung Deutsch­lands durch gezielte Industrie­politik Chinas findet vor dem Hinter­grund der verfehlten Russland­politik statt. Die unter­liegende Maxime lautet: Das darf uns nie wieder passieren, nie wieder über­mäßige Abhängig­keit.
Was ist an diesem Diskurs rational, was ist Panik? Wie fordert die Verän­derung, ja vielleicht die Umkehr des Verhält­nisses Deutsch­lands zu China die politische und wirt­schaft­liche Identität des Landes heraus? Ein ganzer Strauß von Konzepten steht in Frage: „Techno­logie­offenheit“, „Export­orien­tierung“, „Just in time-Produk­tion“, „Frei­handel“, „Industrie­politik“, „Techno­logie­transfer“, „geistiges Eigentum“ – keiner dieser funda­menta­len Begriffe bietet in dieser Krise noch Orien­tierung. Jörg Lau besichtigt das Debatten-Schlacht­feld als teilneh­mender Beob­achter.

Benedikt Korf

Weltmacht gegen Weltkirche: Zur neuen Geopolitik des Katholizismus

Als am 8. Mai 2025 Robert Francis Kardinal Prevost zum 267. Bischof von Rom und Papst gewählt wurde, reagierte US-Präsi­dent Donald Trump begeis­tert: Zum ersten Mal in der zwei­tausend­jährigen Geschichte der katho­lischen Welt­kirche war ein US-Ameri­kaner neues Ober­haupt der katho­lischen Kirche. Mittler­weile hat sich der anfäng­liche Enthu­siasmus gelegt: Seit Monaten liefert sich die Trump-Adminis­tration verbale Schar­mützel mit dem Vatikan, teil­weise wird dieser Disput direkt zwischen Papst und Präsident ausge­tragen. Beson­ders delikat sind diese Streite­reien nicht nur, weil bei den letzten Wahlen eine Mehr­heit der Katho­liken in den USA für Donald Trump als Präsi­dent gestimmt hatten, sondern auch, weil promi­nente Regie­rungs­vertreter der Trump-Adminis­tration sich als gläubige Katholiken positio­nieren: Vize­präsi­dent JD Vance, ein Konvertit, stellte dabei mehr­fach die Theo­logie des Papstes offen in Frage, während Secretary of State Marco Rubio eher den Part des diplo­mati­schen Vermitt­lers spielt, der die Wogen glättet. Verhan­delt wird in diesen Disputen nicht nur die (geo-)politische Rolle der katho­lischen Welt­kirche, sondern auch das Verhält­nis zwischen welt­licher und kirch­licher Auto­rität und damit die Loya­lität der katho­lischen Gläu­bigen zu Kirche und Staat. In diesem Vortrag werden nicht nur die umstrit­tenen Fragen analysiert, die die Geopolitik des Katho­lizis­mus betreffen (what is at stake?); es geht auch um die Aufmerk­sam­keits­ökono­mie, durch die hoch spezia­lisierte theolo­gische Fragen – zur kirch­lichen Sozial­lehre, zur Lehre vom gerechten Krieg – ein unge­ahntes öffent­liches Interesse in einer globalen säku­laren Öffent­lich­keit gewinnen.

Patricia Chiantera-Stutte

Ein Clash der Rezeptionen: Der „Kampf der Kulturen“ in populärer Geopolitik und Wissenschaft

Samuel P. Huntingtons berühmtes Buch The Clash of Civili­zations (dt. Der Kampf der Kulturen, 1996) soll im Licht seiner gespal­tenen und viel disku­tierten Rezep­tion unter­sucht werden: Einerseits wurde es von der akade­mischen Gemein­schaft bei seinem Erscheinen offen abgelehnt (Said, Todorov, Zakaria); anderer­seits galt es führenden Politikern der neuen Rechten (Alain de Benoist, Dugin, Bannon) als Erklä­rungs­modell und wurde in einigen äußerst popu­lären geopoli­tischen Werken (Robert Kaplan) enthu­sias­tisch aufge­nommen.
Der Beitrag untersucht diesen „Clash der Rezep­tionen“ – zunächst anhand einer Beschrei­bung der wichtig­sten Beispiele aus der akade­mischen und der popu­lären Rezep­tion des Buchs, sodann durch die Formu­lierung einiger Hypo­thesen. Hat diese ausge­prägte Spaltung mit verän­derten politi­schen Bedin­gungen zu tun? Oder mit unter­schied­lichen subjek­tiven Perspek­tiven – konkret: mit dem Gegen­satz zwischen kosmo­politi­schen Intellek­tuellen-Eliten und der breiten Bevöl­kerung? Oder liegt es an der simpli­fizie­renden Sprache Hunting­tons, die durch die Verein­fachung komplexer Wirklich­keiten eine beson­dere Anzie­hungs­kraft auf das Publikum ausübt?

Jörg Döring

Szenarien der Geopolitik im populären erzählenden Sachbuch

Der Vortrag geht von der Hypothese aus, dass die kurrente Popu­larisie­rung der Geo­politik im öffent­lichen Diskurs der BRD nicht zuletzt über erfolg­reiche erzäh­lende Sach­bücher erzeugt und abge­sichert wird. Aus literatur­wissen­schaft­licher Per­spektive sollen am Beispiel von Florence Gaubs Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel (2025), Carlo Masalas Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario (2025) und Tim Marshalls Die Macht der Geographie (2015, Orig.: Prisoners of Geography) Erzähl­formen und Erzähler­verhalten unter­sucht werden, mit denen beim Leser Evidenz­gewinne für geopoli­tische Annahmen erwirt­schaftet werden. Anders als beim popul­ären Story­telling der Narrative Non-Fiction im Genre des Memoirs sollen im geopoli­tischen Best­seller Anschau­lich­keit, Über­sicht und Involve­ment gerade nicht durch Vergangen­heits­bezug, sondern durch eine suggestive Form der Pro­gnostik erzeugt werden. Theater­geschicht­lich verweist die Raum­metapher des Szena­riums auf die Tradition des Stegreif­spiels zurück: ein „Anhalts­punkt“ (von Wilpert) für die Prak­tiker auf und hinter der Bühne. Was aber, wenn das Publikum selbst die Szena­rien liest?

Lars Koch

Über die „moralische Phantasie“ des Dritten Weltkriegs. Atomangst und Geopolitik in der westdeutschen Literatur der 1980er Jahre

Der Vortrag untersucht vier westdeutsche Romane, die in den frühen 1980er Jahren im Kontext von NATO-Doppel­beschluss, Friedens­bewe­gung und nukle­arer Eskala­tions­angst erschie­nen: Anton-Andreas Guhas Ende. Tage­buch aus dem Dritten Welt­krieg, Gerhard Zwerenz’ Der Bunker, Dieter Königs Feuer­blumen und Udo Oskar Rabschs Julius oder der schwarze Sommer. Im Zentrum steht die These, dass diese Texte popu­läre Geo­politik als Affekt­politik betreiben: Sie über­setzen die abstrakte Logik der Block­konfro­ntation, der strate­gischen Kalküle und der atomaren Vernich­tungs­drohung in Nah­szena­rien des Körpers, der Familie, der Land­schaft und des Alltags. Angst erscheint dabei nicht als irratio­nales Gegen­stück politi­scher Vernunft, sondern als episte­mischer Affekt, der Wahr­nehmung ermög­lichen und zu politi­schem Handeln moti­vieren soll. Die Romane zielen so darauf ab, die Apo­kalypse-Blind­heit des west­deutschen Imagi­nären zu über­winden. Sie wollen erfahrbar machen, was im Diskurs der Abschre­ckung abstrakt bleibt: dass der Dritte Welt­krieg nicht bloß eine geopoli­tische Option, sondern das Ende von Geschichte, Zukunft und Erinne­rung wäre. Indem sie litera­rische Szenarien des Atom­kriegs entwerfen, entspre­chen die hier behan­delten Romane Günther Anders’ Prinzip der morali­schen Phan­tasie, der es darum geht, über die Produk­tion popu­lärer Schreck­bilder einen kollek­tiven „Mut zur Angst“ zu stiften.

Johannes Paßmann

Die leise Geopolitik der Infrastrukturen. US-amerikanische Web-Technologien auf Nachrichtenseiten in BRICS-Staaten, 2012–2025

Wenige Tage nach Beginn der russischen Voll­inva­sion im Februar 2022 ersetzt Russia Today sein kali­forni­sches Kom­mentar­system Disqus durch das russi­sche Tolstoy Comments. Aus infra­struktur­theore­tischer Sicht ist weniger der Wechsel bemer­kens­wert als seine Verspä­tung: Infra­struktur wird gerade im Moment ihres Bruchs sichtbar (Susan Leigh Star) – und sie ist zäh, weil sie auf einer instal­lierten Basis ruht.
Der Vortrag nimmt diesen Fall zum Ausgangs­punkt für eine Techno­grafie der geopoli­tischen Ver- und Entkopp­lung von Web-Infra­struk­turen, soweit sie über Web-Archive zugäng­lich ist. An einem Sample reich­weiten­starker Nach­richten-Websites aus den BRICS-Staaten verfolgen wir, wann und mit welchen Brüchen – etwa der Krim-Annexion 2014 und der Voll­inva­sion 2022 – US-ameri­kani­sche und euro­päische Techno­logien (Kom­mentar­soft­ware, aber auch Ana­lytics, Schrift­arten oder CDNs) natio­nalen Alter­nativen weichen. Neben die laute Popu­larität geopoli­tischer Szena­rien tritt so eine leise Geo­politik der Infra­struk­turen und Stan­dards, in der Beach­tung unter­halb der Aufmerk­sam­keits­schwelle ausge­handelt wird. Web-Infra­struk­turen dienen dabei als bislang kaum erschlos­sene Quelle: ver­hältnis­mäßig gut archi­viert, bilden sie nicht nur (geo­politisch rele­vante) Diskurse und ihre Trans­forma­tionen ab, sondern sind selbst Spuren einer mate­riellen Praxis, die von diesen Diskursen erheb­lich abwei­chen kann.

Annika Mattissek

Aus bösen Waffen werden gute Waffen? Zeitenwende und Imagewandel in der Rüstungsindustrie

Mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine und der sich drama­tisch verän­dernden Rolle der USA im globalen Spiel der geo­politi­schen Bünd­nisse werden in Deutsch­land geo­politi­sche Sicher­heits­fragen verstärkt poli­tisch und medial artiku­liert. Insbe­sondere wird verstärkt die Not­wendig­keit einer eigen­ständi­gen Vertei­digungs­fähig­keit Deutsch­lands beschworen. Diese verän­derte geopol­itische Lage trifft in Deutsch­land auf einen Kontext, in dem das Militär tradi­tionell seit dem Zweiten Weltkrieg eher skep­tisch gesehen wird und in dem zudem seit Ende des Kalten Krieges der Abbau der Rüstungs­produk­tion beson­ders deutlich erfolgt ist. Vor diesem Hinter­grund fallen die Aufrüs­tung und die Steige­rung von Investi­tionen in die Rüstungs­industrie in Deutsch­land derzeit beson­ders massiv aus. Der Vortrag unter­sucht, wie sich das Image der Rüstungs­industrie und auf diese bezogene wirt­schafts­geogra­phische Diskurse seit der „Zeiten­wende“ verändern. Dabei wird deutlich, dass die diskur­siven Repräsen­tatio­nen der Rüstungs­industrie sich einer­seits von einem „Schmuddel­image“ hin zu einem als notwendig ange­sehenen Wirt­schafts­zweig entwickeln – anderer­seits sind diese Entwick­lungen sowohl umstritten und unein­heit­lich als auch mit unter­schied­lichen raum­bezo­genen Zuschrei­bungen verknüpft.

Henning Hetzer & Olaf Theiler

Immer ergebnisoffen, aber selten populär? Erfahrungen und Einsichten aus der Zukunftsanalyse in der Bundeswehr

Seit 20 Jahren gibt es Zukunfts­analyse in der Bundes­wehr, aber erst die letzten Jahre haben den Bedarf an Erkennt­nissen aus diesem Bereich deutlich anstei­gen lassen. Im Vortrag soll ein ebenso kurzer wie kritischer Bericht aus den Erfah­rungen der letzten 20 Jahre vorgestellt werden, der Erfolge ebenso wie Miss­erfolge präsen­tiert und analy­siert sowie anhand eines prakti­schen Beispiels die Möglich­keiten und Grenzen der Methode darstellt.

Philip Manow & Sven Hillen

Das Nationale und das Transnationale. Über einen neuen Strukturierungsfaktor des Parteienwettbewerbs

Zunehmend entzünden sich politische Konflikte an einer Dimen­sion, die man sich etwa als zwischen „demar­cation“ und „inte­gration“ verlau­fend vorstellen kann: Die Frage, in welchem Verhält­nis das Natio­nale zum Supra- oder Trans­natio­nalen stehen soll, führt in wachsen­dem Maße zu polaren Positio­nierungen von Parteien und Wählern. Zu diesem Komplex gehören die Migra­tions­politik, die Klima­politik, aber wohl auch Fragen der „regel­basierten Welt­ordnung“ versus „Orien­tierung an natio­nalen Interessen“ – und damit auch die Geo­politik. Der Vortrag adressiert diesen Themen­komplex theoretisch-konzep­tionell und empirisch.