SFB-Plenum April: Heike Delitz (Regensburg)
16. April 2026
12:00 – 14:00 Uhr
US-S 002 (Seminarzentrum Obergraben)
Im April ist Heike Delitz, Professorin für Kollektiv- und Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg, zu Gast in unserem Plenum und hält einen Vortrag mit dem Titel „Urbane Paniken. Die Geburt der modernen Stadt im 18. Jahrhundert, oder: Zur Genealogie des uns eigenen architektonischen Modus kollektiver Existenz“.
Die Formel der „urbanen Paniken“ entstammt Michel Foucaults Einleitung in Les machines à guérir, einem von Foucault dirigierten Band über die Reform der Krankenhäuser im 18. Jahrhundert aus dem Jahr 1976. Der Vortrag nimmt seinen Ausgang von diesem Text sowie zahlreichen Forschungen, die im Umfeld von Foucault entstanden sind. In diesen Texten wird die Geburt der modernen urbanen Gesellschaft in Frankreich sichtbar – als eine, die auf zahlreiche Ängste reagiert. Ab 1740 wird die urbane Bevölkerung, so liest man in diesen Texten, von Wellen von Paniken erfasst, die der pathogenen und der unterversorgten Stadt gelten, den Überflutungen und den Höhen der Gebäude, den Friedhöfen und den Schlachthöfen. Zugleich ist es das urbane Volk selbst, das Ängste erzeugt – in ihm selbst und seitens des Königs und der Polizey. Die Grundstrukturen der modernen Architektur und Infrastruktur entstehen, so ist die These des Vortrags, aus diesen vielfältigen Ängsten. Sie bestimmen die urban konzentrierte, infrastrukturierte Vergesellschaftung nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern und auch noch im 20. Im genealogischen Blick auf die Spezifiken dieses uns eigenen „architektonischen Modus kollektiver Existenz“ wird es dem Vortrag ausblickend auch um die Frage gehen, wie es sich gegenwärtig mit den „urbanen Paniken“ verhält: welche neuen (alten) Ängste die urbanen Bevölkerungen beschäftigen und was diese mit Architektur und Urbanismus sowie mit Verungleichung und Ausgrenzung zu tun haben.
Heike Delitz ist Soziologin und Inhaberin der Professur für Kollektiv- und Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg. Sie studierte Architektur (Dipl.-Ing.) sowie Philosophie und Soziologie in Dresden und wurde 2004 mit einer Arbeit zu Architektur als Medium des Sozialen an der TU Dresden promoviert. Die Habilitation an der Universität Bamberg (2013) machte die Effekte‘ der Philosophie Henri Bergsons im französischen sozialtheoretischen Denken im 20. Jahrhundert sichtbar, von disziplinbildenden Abwehren bis zu Übernahmen dieser Prozess- und Immanenz-ontologischen Denkweise in Sozial- und Gesellschaftstheorien (Bergson-Effekte). Zu ihren derzeitigen Forschungsinteressen gehört zum einen die vergleichende Untersuchung der Bedeutung von Architektur und Infrastruktur zur Erzeugung kollektiven Lebens, von Gesellschaft – im Blick auf weltweit unterschiedliche architektonische Kulturen, und auf deren koloniale und nachkoloniale Transformation. Unter dem Titel Architektonische Modi kollektiver Existenz schreibt sie aktuell an einer Monographie, die bei Velbrück Wissenschaft erscheinen wird; eine erste Skizze des Vorhabens findet sich in Architectural Modes of Collective Existence (2018). (Der Vortrag steht in diesem Kontext; er gilt einem der vier untersuchten, einander divergenten architektonischen Kulturen.) Ein zweites aktuelles Vorhaben ist die Arbeit an collectivity studies als einer allgemeinen soziologischen Theorie von Kollektivität oder von Gesellschaft – im Anschluss an den ontological turn im kultur- und sozialanthropologischen Denken und im Blick auf Begriffe von Kollektiv, Akteur, Mensch usw. in außereuropäischen Bedeutungssystemen. 2026 wird zudem die gemeinsam mit Christoph T. Burmeister herausgegebene Würdigung Michel Foucaults erscheinen – in dessen 100. Geburtsjahr: Gebrauchsweisen von Michel Foucault. Kommentar – Analyse – Kritik (Campus-Verlag).