SFB-Plenum Juni: Sigrid G. Köhler (Tübingen)
18. Juni 2026
12:00 – 14:00 Uhr
AH-D 108 (Johann-Moritz-Quartier)
Im Juni ist Prof. Dr. Sigrid Köhler (Universität Tübingen) zu Gast in unserem Plenum und hält einen Vortrag mit dem Titel: „‚Was intereßiert denn?‘: Die Nähe der globalen Welt. Zur Journalberichterstattung und zum (Lese-)Drama am Ende des 18. Jahrhunderts“.
„Was intereßirt denn?“ Diese Frage formuliert der Publizist und Herausgeber Johann Wilhelm von Archenholz 1788 im Kontext seiner Überlegungen zur Journallektüre. Sie wird in ähnlicher Form auch von anderen Publizisten gestellt, die über die erfolgreiche Gründung von Journalen nachdenken. Die Antwort ist so unpräzis wie unbefriedigend: Zu Vieles und Unterschiedliches. Entsprechend groß ist die Herausforderung an den Journalherausgeber, der Lesende gewinnen möchte. Ein Thema, das ganz sicher zu dem gehört, was interessiert und interessieren muss, so die zeitgenössische Diagnose, ist die sich globalisierende Welt.
Wenn Interesse im 18. Jahrhundert über ‚Nähe‘ konzeptualisiert wird – es interessiert, was einem nahe ist, was einen betrifft –, dann bedarf es der Schreib- und Darstellungsstrategien, um Nähe zu erzeugen. Die Frage nach dem Interesse wird somit immer auch zu eine Frage nach dem ‚Wie‘. – Der geplante Vortrag wird ausgehend von der Journalberichterstattung und von (Lese-)Dramen aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts nach den Schreibstrategien fragen, mit denen Texte die globale Welt nahe rücken lassen. Der praxeologische Konnex von Interesse und Globalität führt dazu, so die These, dass Globalität vor allem ein Thema populärer Medien und Genre ist (die im Übrigen zeitgleich zum Sturm und Drang den Umbau des Poetiksystems betreiben).
Diesen Überlegungen vorausgestellt wird eine Konzeptualisierung des Interesses als ästhetische Kategorie, wie sie sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts (zeitgleich zur Debatte um die Autonomieästhetik) etabliert und das Interesse als Kategorie einer populären Ästhetik respektive des (ästhetischen) Populären zu lesen gibt.
Sigrid G. Köhler ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen. Sie hat in Münster mit der Arbeit Körper mit Gewicht. Rhetorische Performanz und postkoloniale Repräsentation in der Literatur am Ende des 20. Jahrhunderts (Köln 2006) promoviert und mit der Studie Homo contractualis. Regime und Romantik des Vertrags um 1800 (Konstanz 2025) habilitiert. Zwischen 2010 und 2018 ist sie von der Alexander von Humboldt-Stiftung und der VolkswagenStiftung als Feodor Lynen Fellow (Yale University) bzw. Dilthey Fellow (Universität Münster) für ihre Projekte im Bereich von Recht und Literatur/Recht als Kulturtechnik gefördert worden, und sie hatte Gast- und Vertretungsprofessuren in Hagen, Siegen, Cincinnati und Tübingen inne. Derzeit forscht sie u. a. im Rahmen einer Momentum-Förderung der VolkswagenStiftung zu Globalität und Diversität als Leitkategorien der Neueren deutschen Literaturwissenschaft zu Methodik, Begriffsbildung und Literaturgeschichtsschreibung aus Globalitäts- und Diversitätsperspektive. Beiträge zu einer diversitätsorientierten Narratologie sowie zu Diversität als literaturwissenschaftliche Praxis (Diskussionspanel des Schiller-Jahrbuch 2026) sind im Erscheinen. Für ihre Forschung arbeitet sie auch in einer Reihe von internationalen Kooperationen in Europa, Afrika und den USA, darunter in der von der Alexander von Humboldt-Stiftung geförderten Institutspartnerschaft mit der Germanistik an der Université de Lomé/Togo. Der geplante Vortrag ist Teil einer geplanten Modellstudie zur Literaturgeschichtsschreibung aus Globalitätsperspektive 1770–1830.