Alli­anz der Krit­zel-Künst­ler (Teil 2): Wissen­schafts-Orga­ni­sa­ti­o­nen im Erklär­vi­deo-Format

19.01.22
  • Julika Griem

[Dieser Beitrag in der Reihe „Populäre Expertise“ erscheint parallel auf dem KWI-Blog und auf dem Blog des SFB 1472 „Transformationen des Populären“. Teil 1 wurde am 17. Januar 2022 veröffentlicht.]

III. Popularisierung und Piktogrammisierung

Erklärvideos setzen nicht nur auf ‚gescribbelte‘ Figuren, sondern auch auf leicht identifizierbare Dingsymbole, die als Piktogramme tradierte Semantiken und Sinnzusammenhänge aufrufen. Im Vergleich der Allianz-Videos zeigt sich, dass der Symbol-Baukasten des komprimierenden Formats überschaubar gehalten werden muss: Im außer-universitären Segment dominieren Schiffe, technologische Monumente und vor allem Raketen und Planeten als Index jener riskanten, aber weltverbessernden „rocket science“, der auch „Captain Laura“1 als erfolgreich verweiblichte Gipfel- und Himmelsstürmerin noch verpflichtet ist. Wie die Figuren der Erklärvideos dürfen die Symbole im Minutentakt der Schnell-Rezeption nicht zu realistisch angereichert sein. Damit eignet sich das Repertoire dieser Filme als Werkzeugkasten einer Selbstprofessionalisierung: Als stark schematisierte Instrumente einer popularisierenden Wissenschaftskommunikation laden Erklärvideos digital versierte Kommunikator*innen zum „do it yourself“ ein

Im Dienst der Komplexitätsreduktion werden auch in Erklärfilmen von Wissenschafts-Einrichtungen Figuren abstrahierend und anonymisierend personalisiert, und Symbole auf wiedererkennbare Grundgestalten reduziert. Neben den bereits genannten Piktogrammen fällt eine Präferenz für Rundes auf: Zahnräder stehen für erfolgreich laufende Technologien, Uhren für kompetitiven Zeitdruck oder auch historische Datierung, und Münzen für erfolgreich eingeworbene Fördermittel. Besonders häufig wird mit Lupen gearbeitet, die prüfenden Forschungsgeist und hartnäckige Neugierde visualisieren, und mit vielen kleinen Glühbirnchen, um die spielentscheidenden Geistesblitze als Wendepunkte der erzählten Karrierewege und institutionellen Erfolgsgeschichten zu beleuchten. Auch im DFG-Film zum Geburtstag des SFB-Formats (der nur teilweise dem Muster des Erklärvideos entspricht), wird auf eine Ästhetik des Rundens und Abrundens zurückgegriffen, die zugleich historische Dynamik suggerieren soll: Von der psychedelischen Sixties-Tapete leitet das Video uns in die sich drehenden Zahnräder einer Uhr, die sich dann wie Bullaugen für gefilmte Geburtstagsgrüße von Repräsentant*innen des Wissenschaftssystems öffnen.2

Bestens eignet sich die Figur des Kreises auch dazu, normativ und affektiv aufgeladene Vorstellungen eines größeren Ganzen mit unterschiedlichen historischen und politischen Akzentuierungen aufzurufen. So kullert nicht nur durch das Max-Planck-Video das Symbol unseres Planeten, das hier – mit einer an Francis Bacon erinnernden Bildsprache kühner Segelschiffe und offener Horizonte – noch von einer durch Wissensdurst getriebenen Entdeckungs- und Eroberungslust kontrolliert wird. In weniger konservativ gestalteten Erklärfilmen erinnert der gezeichnete Erdball eher an die jüngere Ikonographie, mit der z.B. Al Gore zu mehr nachhaltiger Empathie für den blauen Planeten mobilisiert hat. Runde Formen tauchen in den Filmen auch immer dann auf, wenn es um die möglichst effiziente und suggestive Visualisierung von Prozessen der Begutachtung und Entscheidung über Forschungsanträge geht: Hier dominieren runde Tische, kreisförmige Sitzordnungen und Kuppeldächer, mit denen sich Meritokratie und Demokratie zugewandt und dialogorientiert zu verbinden scheinen. Insgesamt zeichnen sich die Erklärvideos, die immer auch als Image-Filme für ihre Organisationen fungieren, durch eine harmonisierende Formensprache aus, mit der die agonalen Dynamiken des wissenschaftlichen Wettbewerbs eingehegt werden: In fröhlichen Farben sich drehender Kreis-Diagramme werben eingeschworene corporate communities um „die besten Köpfe“, aber zugleich öffnen und überschneiden sich diese Kreise, um Wissensbestände in Bewegung und Anwendung zu halten.

IV. Wen kümmert’s, wer spricht?

Wendet man eine sehr basale Figuren- und Erzählanalyse auf die Erklärvideos der Allianz-Mitglieder an, lässt sich – wenig überraschend – festhalten, dass Wünsche Wirklichkeiten überlagern. Mit einem Instrument, das sich vor allem in Kontexten von Marketing und Management bewährt hat, wird im multimodalen Schnelldurchgang mit Erfolgsgeschichten um Anerkennung geworben. In den affektiven Dramaturgien der Kurzfilme ergänzen sich Handlungs- und Sprechrollen zu sorgfältig egalisierten Wissenschaftswelten, in denen auffällig oft junge Frauen zur Adressatin der im Off-Kommentar geleisteten Beratungs- und Motivationskommunikation werden. Längst nicht immer ist den Ansprachen und Identifikationsangeboten dieser Mikro-Erzählung aber eindeutig zu entnehmen, an welche Zielgruppen sich die jugendgerecht aufgemachte Präsentation komplexer Förderverfahren und -instrumente richtet. Konzeptionell scheint eine Mischkalkulation zu dominieren, mit der man durch die wiedererkennbar reduzierte Präsentation komplexer Inhalte auf Beachtungs-Beifang in noch wissenschaftsfernen Rezipienten-Gruppen hofft. Eine Thematisierung von Problemen und eine Prise Ironie – und eine ähnlich internationale Ansprache wie in den Videos der Alexander von Humboldt-Stiftung – leistet sich allein der Leibniz-Film. Selbst hier erreicht „Captain Laura“ ihr Ziel aber ebenso punktgenau wie Hanna, Paula und Dr. Elena Fuchs. Wie in anderen Formaten der popularisierenden Kommunikation wissenschaftlicher Einrichtungen sind auch für die Heldinnen-Reisen der Erklärvideos allenfalls „Herausforderungen“, aber keine Widersprüche und Dilemmata auf dem Weg zum Durchbruch vorgesehen.

Welche Intentionen diese Filme leiten, ist dank der überschaubar standardisierten Formensprache schnell erkennbar. Ob sie von User*innen als ebenso erfolgreich wahrgenommen werden wie die erzählten Forschungsleistungen, ist schwerer zu beurteilen. Die Klick-Zahlen der Erklärvideos verweisen auf eine sehr punktuelle Rezeption (zwischen 590 und 8700 Klicks), die man nicht als Popularität im Sinne quantitativ relevanter Beachtungserfolge verbuchen kann. Wie wäre der Erfolg solcher Filme auch zu messen? Worauf lassen Klicks und Verweildauer-Daten schließen: Auf gezieltes und befriedigtes Informations-Interesse oder schweifende Langeweile, auf Anerkennung oder Irritation? Bisher gewinnt man den Eindruck, dass die Investition in Erklärvideos in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen vor allem von dem Bedürfnis zeugt, solche Filme im Programm zu haben, weil auch die anderen sie zeigen. Um mitspielen zu können, erwirbt man zugelieferte Produkte, die vor allem die Handschrift einer Agentur zeigen und weniger den Stil der beworbenen Institution prägen. Um sich von den wenig originellen Variationen des reduzierten Standard-Repertoires im Erklärvideo-Baukasten abzugrenzen, müsste stärker in die eigenen Kommunikationsabteilungen investiert werden. Auch deren allseits geforderte Professionalisierung wird aber nicht verhindern, dass sich im Wettbewerb um sichtbare Wissenschaftskommunikation die durch standardisierte Verfahren hergestellten Produkte immer stärker ähneln.

Und doch zeichnen sich auch die Formate einer als populär intendierten Wissenschaftskommunikation durch Differenzierungs-Dynamiken aus, mit denen leicht replizierbare Schemata für politische Positionierungen genutzt werden können. So z.B. in einem Video, mit dem (unterstützt von GEW, Verdi und NGA) dem BMBF-Film zum WissenschaftsZeitVertragsgesetz widersprochen wird. Dieser Film betreibt eine Mimikry der Ministeriums-Vorlage. Er kopiert den Look und die Formensprache des inkriminierten Produkts, um eine andere Geschichte von Hanna zu erzählen: Hier wird keine forschende Einzelheldin nach erfolgreicher Qualifikation herauspräpariert; dieser Film zeigt sie als Objekt von Marktmächten und Steuerungsfantasien, die als gesichtslos agierende Männerhände in Manschetten nach der jungen Biologin greifen. Die Interessens-Gemeinschaft der Gegner*innen des WissZeitVG setzt der Erfolgsgeschichte des BMBF zunächst ein Abstiegsdrama entgegen: Die appropriierte Hanna läuft vergeblich um die Wette auf einem sich immer schneller drehenden Ball, mit dem sich die positiv besetzten Kreis-Symbole der anderen Videos in ein Hamsterrad verwandeln. Aber auch die Gegenerzählung, die sich die Ikonographie der institutionellen Erklärfilme in subversiver Manier aneignet, braucht ihr happy ending. Nachdem die vom BMBF euphemistisch singularisierte Hanna auf einem Haufen eckiger Geldscheine gelandet und durch ein kreisrundes schwarzes Loch auf dem eckigen Dach des Bundesministeriums gelandet ist, verwandeln sich die grausamen Hände der wissenschaftlichen Marktwirtschaft in die Geste eines diversen Handschlags. Hanna „könnte auch Reyhan oder Maha heißen“, hört man im weiblichen voice-over dieser Gegen-Erzählung. Mit ihr gleichen sich Propaganda und Gegen-Propaganda in der Wahl ihrer Formen an, um das Eckige doch noch ins Runde solidarischen Zusammenhalts zu bringen.

Auch die quantifizierbare Rezeption der Hanna-Parodie hält sich mit zwischen zurzeit 574 und 1275 Aufrufen in Grenzen. Angesichts dieser Zahlen sollte am Schluss eine Option nicht verschwiegen werden, die zwei Mitglieder der Allianz der Wissenschafts-Organisationen im professionalisierten Wettlauf um populäre Beachtung gewählt haben: Bei der Hochschulrektorenkonferenz stehen vermutlich die Partikular-Interessen der Mitglieds-Einrichtungen und die Ausstattung der Geschäftsstelle in einem Verhältnis, das die Investition in Erklärvideos zur Eigenwerbung nicht ratsam erscheinen lässt. Beim Wissenschaftsrat gilt abzuwarten, wann im Elfenbeinturm zeitgeistresistenter Politik-Beratung ebenfalls die fröhliche Glühbirne des infotainment angeknipst wird.

Julika Griem ist Professorin für Anglistische Literaturwissenschaft und seit April 2018 Direktorin des KWI.

Anmerkungen

1 https://www.leibniz-gemeinschaft.de/ueber-uns/neues/mediathek/videos/wie-werbe-ich-einen-erc-starting-grant-ein (letzter Zugriff: 13.01.2022) sowie Teil 1 des Blogbeitrags „Allianz der Kritzel-Künstler“.
2 https://www.youtube.com/watch?v=NBIAWV1iWkQ. Letzter Zugriff: 13.01.2022.

SUGGESTED CITATION: Griem, Julika: Allianz der Kritzel-Künstler (Teil 2). Wissenschafts-Organisationen im Erklärvideo-Format, in: KWI-BLOG, [https://blog.kulturwissenschaften.de/allianz-der-kritzel-kunstler-teil-2/], 19.01.2022

DOI: https://doi.org/10.37189/kwi-blog/20220119-0830