„Das ist Paula“ – Anmer­kun­gen zu zwei Erklär­fil­men von Insti­tu­ti­o­nen der deut­schen Wissen­schafts­för­de­rung

AG6 Die Universität und das Populäre
29.11.21

I

Dieser Erklärfilm ist ästhetisch durch eine cartoon-artige Bildsprache gekennzeichnet, in der zunächst die personale Zurechenbarkeit wissenschaftlichen Denkens inszeniert wird („Das ist Paula. Paula ist Professorin und arbeitet an einer Universität. Paula hat eine Idee. Es ist eine große Idee!“); die personal zurechenbare Idee indes könne nur in Gemeinschaft bearbeitet werden („um sie auszuarbeiten und umzusetzen, muss Paula exzellente MitstreiterInnen aus verschiedenen Fächern gewinnen. Nur gemeinsam und mit einem langen Atem lässt sich diese große wissenschaftliche Aufgabe meistern“). Einerseits zeichnet sich hier bereits ein für die Wissenschaftskommunikation häufig bemühtes emplotment ab: das Erzählmuster ‚Held mit Gefolgschaft‘. Beide können nicht ohne einander. Einsam wäre der Held ohne seine Getreuen, zu groß die Idee; ideen- und führungslos harrten die Getreuen aus ohne ihre Heldin Paula.

Andererseits erinnert der im Off von einer weiblichen Sprecherin gesprochene Text (der im Bild simultan eingeblendet wird) gestisch und prosodisch eher an die „Sendung mit der Maus“: Erklärung von Prozessen oder Sachverhalten in einfacher Sprache.

Die Frage nach dem Adressaten dieses Erklärfilms ist gar nicht so leicht zu beantworten. Der Film ist auf der DFG-Seite eingestellt, dort wo sich die Wissenschaftler:innen selbst die Formulare zur Beantragung eines Sonderforschungsbereichs herunterladen. Insofern werden sie von der DFG durch die Einbettung des „Paula“-Films ihrerseits zu Adressaten des Erklärfilms gemacht. Zugleich findet sich der Film im Youtube-Kanal der DFG, wo er mit 7.200 Aufrufen und 0 Kommentaren in mehr als drei Jahren (Stand: 19.11.2021) allerdings praktisch keine Beachtung findet.

Gemessen an den realen Geschlechterverhältnissen bei der Besetzung von Leitungspositionen in Verbundforschungsprojekten inszeniert der Film auf dezidiert niedliche Weise eine Minderheitenposition: Hier ist es „Paula“, eine Frau, die die große Idee hat, um dem faktischen Männerüberhang an SFB-Leitungspositionen eine freche, politisch korrekte Cartoon-Figur entgegenzusetzen… Mit großer Brille, großen Augen, hoher Denkerinnenstirn, mit femininer, aber praktischer Pony-Langhaarfrisur (unbedingt labortauglich) bedient sie moderne Kommunikationsmedien, um die Erfolgsmeldung der SFB-Bewilligung rasch zu verbreiten, und bekommt Emojis aller Art zurück.

Cuteness

In ihrer ästhetischen Kontur entspricht Paula damit ziemlich exakt jener Cuteness, die Sianne Ngai als eine Schlüsselkategorie der Gegenwartsästhetik diskutiert.1 Die cute Paula bezeichnet referentiell ja keinesfalls eine ganz junge Frau (was durch Brille und praktische Langhaar-Labor-Frisur indiziert ist), die durch ihre „spektakuläre Selbstreferenz“2 als Cartoon-Figur aber ins attraktive Kindchenschema (übergroßer Kopf, Kulleraugen, knuddeliger Körper) gepresst wird. Die Verniedlichung der Hauptfigur Paula und ästhetische Anleihen an das YouTube-Format Scribble-Video für die Wissenschaftskommunikation ließen sich im Sinne Ngais auch symptomatisch diskutieren: Das wissenschaftliche Geschäft scheint in Erklärvideos wie diesem nicht wie in früheren Formaten wissenschaftlicher Selbstdarstellung als eine höchst ernste, fast heilige Angelegenheit zu figurieren, die ‚uns‘ mit den großen Geistern der Menschheitsgeschichte verbindet und zu aufklärerischem Mut anstiftet, sondern vor allem als schutz- und förderwürdige Harmlosigkeit. Wissenschaft wird auf diese Weise nicht exklusiv, sondern inklusiv modelliert.

Manche Mitglieder unserer AG „Die Universität und das Populäre“ outen sich als Betrachter:innen, denen das Video trotz allem gefallen habe, weil es helfe, den Eltern oder anderen Nicht-Wissenschaftler:innen zu erklären, was man mache. Unser Sprecher Niels Werber berichtet, dass seine Eltern das Video tatsächlich gesehen hätten und er ihnen erklären musste, die Idee für SFB 1472 „Transformationen des Populären“ keineswegs allein gehabt zu haben („Das ist Niels…“).

Mit Blick auf die lange Geschichte der Wissenschaftspopularisierung seit Auguste Comtes „Rede über den Geist des Positivismus“ (1844), der Naturwissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, der Volkshochschul-, Vereins- und Zeitschriftenbewegung im deutschen Kaiserreich, den erzählenden Sachbüchern während des Nationalsozialismus, dann den geänderten Dignitätszuschreibungen, die seit den 1950ern auch im bundesdeutschen Wissenschaftstaschenbuch distribuiert werden, nehmen wir uns in unserer AG „Die Universität und das Populäre“ vor, künftig zu prüfen, wann genau in der Geschichte der Bundesrepublik die Infantilisierung auch von Wissen und Wissenschaft im „Sendung mit der Maus“-Style tatsächlich begann. Für die Hochzeit des Schulfernsehens in den 1970/80ern trifft das nämlich entschieden noch nicht zu.

Unabhängig davon beweist auch der DFG-Erklärfilm einmal mehr, dass Wissenschaft sich stets der jeweils neuesten Medien zu ihrer Popularisierung bedient. Als Beispiel lässt sich die Zoologie und ihr Verhältnis zum Fernsehen der 1960er Jahre anführen – hier der Beginn von Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“ aus dem HR-Fernsehen von 1959: „Guten Abend, liebe Tierfreunde, heute hat mich aus dem Frankfurter Zoo ein Tapirkind mit hierher begleitet…“ – damit auch ein früher (und extrem populärer) Vorläufer heutiger Cuteness-Inszenierungen…

Neben Heroisierung und Cuteness weist der Paula-Cartoonfilm auch das Erzählmuster eines typischen YouTube-Erklärvideos auf: Es gibt eine Person, die mit Namen benannt wird; es gibt ein Problem und eine Lösung für das Problem; am Ende entsteht meistens ein Produkt (= hier ein Sonderforschungsbereich). Am Ende muss Paula auch ein selfie von sich machen: die junge erfolgreiche Wissenschaft unter sozialmedial-induziertem Selbstdarstellungsstress.

Akkomodation

In alldem lässt sich aller Wahrscheinlichkeit nach vor allem ein agentur-getriebenes, professionelles (d.h. nicht-wissenschaftliches) Public-Relations-Kommunikationsideal wiedererkennen. Die Inszenierungsweise spricht dafür, dass kurrente Wissenschaftskommunikation i.d.R. nicht von den Wissenschaftler:innen selbst betrieben wird, sondern als cross-mediales Produkt von vermeintlichen Kommunikations-Spezialist:innen, die von der Wissenschaft beauftragt werden. Deshalb sehen diese Erklärfilme alle verblüffend gleich aus.3 Vielleicht kann man feststellen, dass ein solches Paula-Video auf der DFG-Seite entweder eine große Verunsicherung der Wissenschaft bezeugt, was die geeignete Form der Wissenschaftskommunikation sei, oder doch eher ein großes Desinteresse daran.

Jedenfalls beweist das Paula-Video, dass auch in einer Wissenschaftsorganisation wie der DFG nicht an jeder Stelle Resilienz gegenüber den Ansprüchen des Populären gewahrt werden kann. Vielmehr zeigt es tendenziell das, was bei uns im SFB 1472 Akkomodation genannt wird: das Bemühen etablierter Ordnungen, sich den Ansprüchen des Populären partiell anzupassen, es zu integrieren oder sich ihm gar anzuschmiegen.

Aber gerade weil das Video nachweislich nicht populär ist und – wenn überhaupt – vorerst vor allem im Kontext der DFG-Seite selbst angeklickt wird, mag es aus Sicht der Verantwortlichen als akzeptabel erscheinen: eher ein Simulakrum von Popularität, mit dem man einer öffentlichen Bringschuld nachkommt, ohne viel Reputationsschaden anzurichten. Anders als in der Dieter Nuhr-Affäre.4 Weiterhin gilt das Versprechen, das DFG-Präsidentin Katja Becker zu ihrem Amtsantritt am 1.1.2020 formulierte: die Wissenschaft müsse „ihre Kommunikation verbessern“.5

II

Weil wir damit schon eine Hypothese darüber haben, wie die Akkomodation großer Wissenschaftsförderorganisationen an das Populäre sich gestaltet, können wir bei der Analyse dieses weiteren Erklärfilms weniger kleinschrittig vorgehen und uns vor allem auf die Differenzen zum Paula-Video konzentrieren.

Bildsprachlich herrscht hier weniger eine cartoon-artige oder Scribble-Ästhetik vor, sondern eine piktogrammatische Ästhetik, mit der man sich – auch in der Designtradition des Auto-Herstellers, in dessen Namen hier Fördergelder verteilt werden – für eine spezifische Modernitätsinszenierung entscheidet.

Erzählerisch prägnant erscheint vor allem das Piktogramm des Doktorhuts (0.43), in den durch einen Münzschlitz das VW-Geld hineingesteckt wird. Intendiert natürlich als Ikon für die Past-Merits-Logik der Wissenschafts-Förderung (erst die universitär bescheinigte Form der Exzellenz, dann die Förderung durch die VW-Stiftung), ähnelt das Piktogramm in seiner metaphorischen Logik ungewollt auch dem Bild des kreativen Kopfes als Sparschwein – ein Behältnis, das erst zertrümmert werden muss, um das in ihm gesammelte freizugeben, die künftige Dividende…

Vergleichbar in beiden Erklärfilmen ist die Bildsprache, mit der die Entscheidungsprozedur der Förderinstitutionen dargestellt wird: im Paula-Video wird der DFG-Senat, in dem über die SFB-Anträge abgestimmt wird, als Parlament gezeigt (repräsentative Demokratie). Dem stellt der VW-Stiftung-Erklärfilm die Ikonografie des Runden Tisches gegenüber (Basisdemokratie).

Vor dem Hintergrund der Forschungsannahmen unseres SFB erscheint ein Satz, der im Off-Ton des VW-Stiftung-Erklärfilms über die Förderprinzipien bei der VW-Stiftung gesprochen wird, besonders signifikant: „Mit unseren Initiativen fördern wir vor allem kreative Köpfe oder experimentelle oder gewagte Forschungsideen abseits vom Mainstream“. Diese Formulierung erscheint aus dem Kommunikationsregister der populären Kultur übernommen und insofern bereits in unserem Sinne ein Spurenelement einer Popularisierung zweiter Ordnung, also die Herstellung von Beachtlichkeit durch Hinweis auf die Beachtung durch Viele: Hier wird das Innovationspotential von förderungswürdiger Wissenschaft „abseits vom Mainstream“ gegenbegrifflich mit populärkulturellen Wertbeschreibungen wie „Underground“ oder „Subkultur“ identifiziert.

Transformationen des Populären

Zusammengenommen erweisen sich beide Erklärfilme von Institutionen deutscher Wissenschaftsförderung als gute Exempla dessen, was wir im SFB 1472 als die Transformationen des Populären bezeichnen:

Einerseits erklären sie komplexe organisationale Prozesse in einfacher Sprache für eine breite Öffentlichkeit. Adressat dieser top-down-Kommunikation (Herablassung zum Volk) ist nicht zuletzt der demokratische Souverän, der über hochgradig exklusive Entscheidungsverfahren informiert und von der sinnvollen Verausgabung öffentlicher Gelder überzeugt werden soll (Inklusion des Volkes im Dienste höherer Ziele). Das ist die gute alte Aufklärung.

Andererseits scheint diese Popularisierung erster Ordnung nicht ohne Cutifizierung und populärkulturelle Referenzen kommensurabel. In modernen Gesellschaften lässt sich kaum etwas Exklusiveres denken als die wettbewerblich organsierte Selektion und Prämierung von Spitzenforschung. Im Zeichen eines gesamtkulturell entgrenzten Populären muss offenbar auch die Wissenschaft mitsamt ihren Förderinstitutionen ihre Exklusivität populär rahmen.

Jörg Döring (gem. m. Veronika Albrecht-Birkner, Mirja Beck, Vanessa Breitkopf, Joseph Imorde, Johannes Paßmann, Ute Schneider, Cornelius Schubert, Stefanie Siedek-Strunk, Lena Teigeler, Jochen Venus, Niels Werber)

Anmerkungen

1 Sianne Ngai: Our Aesthetic Categories: Zany, Cute Interesting. Cambridge/London: Harvard University Press 2012

2 Jochen Venus: Die Erfahrung des Populären. Perspektiven einer kritischen Phänomenologie. In: Marcus S. Kleiner/Thomas Wilke (Hg.): Performativität und Medialität Populärer Kulturen. Theorien, Ästhetiken, Praktiken. Wiesbaden: Springer VS 2013, S. 49 – 73, hier: S. 65.

3 Vgl. unten: das Video der VW-Stiftung „Wer wir sind, was wir tun“. Auch das zuletzt stark diskutierte „Ich bin Hanna“-Video des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) entspricht dieser cartoon-artigen Infantilisierungsästhetik. Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=PIq5GlY4h4E

4 Jan-Martin Wiarda: Streit um Video von Dieter Nuhr. In: Der Tagesspiegel v. 7. August 2020. https://www.tagesspiegel.de/wissen/streit-um-video-von-dieter-nuhr-fuer-die-dfg-geht-es-jetzt-um-die-reputation/26074846.html

5 Katja Becker: „Wir wussten, dass Dieter Nuhr provoziert“. In: DIE ZEIT v. 13. August 2020.