Fabel­hafte Aufla­gen – Ein Fund­s­tück aus der Zeit des popu­lä­ren Taschen­buchs (2022)

Aus dem Archiv: „Über das Verlegen von Taschenbüchern“ – ein ungedruckter Vortrag von Hans Altenhein vom 6. Oktober 1965

Hans Altenhein zum 95. Geburtstag

Vom heutigen Buchmarkt aus betrachtet, sind die Dimensionen des Taschenbuchgeschäftes der 1960er Jahre fast unvorstellbar. Pro Monat erschienen in der Fischer Bücherei, der Taschenbuch-Reihe des Verlages S. Fischer, bis zu vier Titel, jeder mit einer Startauflage von durchschnittlich 25.000 Stück. Und da war die Zeit der legendären Auflagen im Taschenbuch der westdeutschen Nachkriegszeit schon fast vorüber: Von Fischer Bücherei Nr. 76, Luther. Einleitung: Helmut Gollwitzer, waren im Februar 1955 50.000 Stück gedruckt worden. Im Juli 1955 dann schon die nächsten 25.000, bis November 1955 waren die ersten 100.000 erreicht. Im Juni 1962 war das Buch dann 138.000 mal verkauft.

Impressum Fischer Bücherei Nr. 76: Luther. Einleitung: Helmut Gollwitzer (zuerst: Frankfurt am Main 1955)

Mit einer Auflage von 50.000 startete im Februar 1958 der Band 198 der Fischer Bücherei Hans Rothfels: Die deutsche Opposition gegen Hitler. Davon waren bis zum Juni 1960 63.000 Stück verkauft. Vom Frühhistoriker Herbert Kühn gab es bis dahin bereits einen Fortsetzungstitel, eine kleine Menschheits-Serie: zuerst Das Erwachen der Menschheit 1954, dann Die Entfaltung der Menschheit 1958 – beide jeweils im Ersterscheinungsjahr bereits 50.000 mal verkauft. Von diesen Auflagenentwicklungen weiß man, weil sie vom Verlag stolz im Impressum des Taschenbuches aufgeführt werden: der Beachtungserfolg als weiteres Verkaufsargument.

In den Werbemitteln der Fischer Bücherei des Jahres 1965 wird nicht nur auf die Auflagenhöhe verwiesen, sondern auch auf die „meistverkauften Bände“ des Monats: eine verlagsinterne Bestseller-Liste, die vor allem den Reihencharakter der Fischer Bücherei zu unterstreichen versucht.

Werbeprospekt Fischer Bücherei April 1965

Heute findet man diese verlegerischen Paratexte i.d.R. nicht mehr. Mit den gegenwärtigen Absatzzahlen von Wissenschaftstaschenbüchern lässt sich nicht mehr werben. In unserem SFB-Workshop „Consulting Scholars“ (7. September 2022) zum Verhältnis von Wissenschaft und Buchmarkt hat uns die Leiterin des Wissenschaftslektorat im Suhrkamp Verlag, Eva Gilmer, verraten, wie heute ein suhrkamp-taschenbuch-wissenschaft-Band kalkuliert wird: verkaufen muss er sich innerhalb von 2 Jahren 1000 mal.

Hans Altenhein leitete die Fischer Bücherei, die (seinerzeit wirtschaftlich selbständige) Taschenbuchabteilung des Verlages S. Fischer, seit 1963. In ihr erschienen seit 1952 sowohl literarische Taschenbücher als auch die sogenannten Bücher des Wissens, mit denen S. Fischer die Hochkonjunktur wissenschaftlicher Taschenbücher in der Bundesrepublik begründete. Im Verlagsarchiv S. Fischer im Deutschen Literaturarchiv in Marbach/N. hat sich ein Vortrag erhalten, den Altenhein in der Buchhandlung Brienner Straße am 6. Oktober 1965 in München gehalten hat: „Über das Verlegen von Taschenbüchern“. Das Typoskript wird hier in Gänze als Faksimile wiedergegeben.

Zum Zeitpunkt des Vortrags hat sich der Taschenbuchmarkt auf einem aus unserer Rückschau betrachtet immer noch fantastisch hohem Niveau stabilisiert. Für den Verleger scheint es an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Deshalb ist der kurze Vortrag buchmarktgeschichtlich so interessant: Altenhein bedenkt mit knappen, prägnanten Worten (fast) alle Akteure des seinerzeitigen Marktgeschehens: die Taschenbuchleser, die Taschenbuchhändler, die Rezensenten und auch die (internationale) Kulturkritik, die sich gegen das Taschenbuch richtet.

Als Altenhein den Vortrag hielt, war in der Fischer Bücherei gerade Max Frisch: Stiller als Taschenbuch erschienen. Ebenso die Briefe Marquis de Sades, der Band 22 der Fischer Weltgeschichte Süd- und Mittelamerika I: Die Indianerkulturen Altamerikas und die spanisch-portugiesische Kolonialherrschaft. Ebenso Nachauflagen von Joachim Ernst Behrendts Das neue Jazzbuch (jetzt im 149. Ts., zuerst 1953) und Gustav A. Wetter: Sowjetideologie heute I (im 105. Ts., seit 1962).

In der edition suhrkamp waren 1965 u.a. erschienen: Peter Weiss: Fluchtpunkt; Hans Blumenberg: Die kopernikanische Wende; Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt; Claude Levi-Strauss: Das Ende des Totemismus; Wolfgang Abendroth: Die Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung; und der Bestseller von Herbert Marcuse: Kultur und Gesellschaft I, der sich bis 1970 80.000 mal verkaufen sollte.

Bei rowohlts deutsche enzyklopädie war 1965 erschienen u.a.: die 7. Auflage von Johan Huizinga: Homo ludens (zuerst 1956, seither 73.000 mal verkauft); die 7. Auflage von Günther Schmölders: Konjunkturen und Krisen (zuerst 1955, seither 76.000 mal verkauft); die 8. Auflage von Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik (zuerst 1956, seither 83.000 mal verkauft); Peter R. Hofstätter: Gruppendynamik. Die Kritik der Massenpsychologie (zuerst 1957, seither 60.000 mal verkauft; zudem die Erstauflagen von Walter Höllerer: Theorie der modernen Lyrik. Dokumente zur Poetik I; Martin Esslin: Das Theater des Absurden; Maurice Nadeau: Geschichte des Surrealismus; und Eric Hoffer: Der Fanatiker. Eine Pathologie des Parteigängers (alle in einer Startauflage zwischen 13. und 15. Ts.)

Beim List Taschenbuchverlag erschienen 1965 u.a.: Ludwig Marcuse: obszön. Geschichte einer Entrüstung; Arthur Weigall: Sappho auf Lesbos; Norman Haire: Geschlecht und Liebe heute. Das Geschlechtsleben des modernen Menschen; Gert Buchheit: Hitler der Feldherr. Die Zerstörung einer Legende; und Karl Krolow: Aspekte zeitgenössischer deutscher Lyrik.

Bei Ullstein Taschenbücher erschienen 1965 u.a.: Marcel Proust: Tage der Freuden; Ian Fleming: Leben und sterben lassen; ein ganzer Taschenbuch-Container mit Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre; Und sagte kein einziges Wort; Der Zug war pünktlich; Wo warst Du, Adam; Haus ohne Hüter; Pearl S. Buck: Das Mädchen von Kwangtung; John Steinbeck: Tortilla Flat; Mickey Spillane: Gangster; aber auch Kasimir Edschmid: 150 Jahre Deutsche Freiheitsrufe.

Als Altenhein diesen Vortrag hielt, war bei Suhrkamp übrigens auch gerade Heft 2 des Kursbuch erschienen. Titel: Von der Gewalt. Am selben Abend, dem 6. Oktober, hatte in den Münchener Kammerspielen das Eichmann-Stück Joel Brand von Heinar Kipphardt Uraufführung. Ab dem 19. Oktober 1965 beteiligten sich dann 14 Bühnen in der Bundesrepublik und der DDR parallel an einer Ringaufführung von Peter Weiss Ermittlung.

Ebenfalls im Jahr 1965 erschien Ralf Dahrendorfs bildungspolitische Kampfschrift Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik (nicht als Taschenbuch), die jene Reformpolitik einläutete, welche seit der sozialliberalen Regierung Willy Brandts von 1969 an zu einer beispiellosen Bildungsexpansion in Westdeutschland führte.

Aus welchem Anlass Hans Altenhein diesen Vortrag hielt, daran hat er heute keine Erinnerung mehr. Aber an seiner Verfasserschaft, sagt er, bestehe kein Zweifel. Einer der anderen Taschenbuchverleger, die anwesend waren und auf die er als Redner anspielt, war Heinz Friedrich, einer seiner Vorgänger bei der Fischer-Bücherei, jetzt beim Deutschen Taschenbuch Verlag, den dieser seit 1961 aufgebaut hatte.

Bei dtv waren 1965 u.a. erschienen: ein Buch von Heinrich Böll (Als der Krieg ausbrach. Erzählungen); Paul Raabes legendäre Expressionismus-Anthologie; ein Interviewband von Günter Gaus: Zur Person; Bodo Scheurig: Verrat hinter Stacheldraht? Das Nationalkomitee Freies Deutschland und der Bund Deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943-45; Horst Bingel: Deutsche Lyrik. Gedichte nach 45; die Dokumentensammlung von Erhard Klöss: Von Versailles zum Zweiten Weltkrieg; und eine Taschenbuchausgabe von Heinrich Spoerls komödiantischem Roman Der Maulkorb von 1936. Einer aus dem Reservoir der Bestseller der 1930er Jahre, die das immer noch ausgesprochen wilde Nebeneinander auf dem Taschenbuchmarkt Mitte der 1960er verdeutlicht.
Dieser Querschnitt durch das Taschenbuchprogramm des Jahres 1965 soll veranschaulichen, welcher Markt, welche Leserinteressen, und auch welcher Geisteshorizont es sind, die Altenhein in seinem Vortrag adressiert.

Dieser Doyen der westdeutschen Taschenbuchgeschichte wird am 10. September 95 Jahre alt. Und er publiziert weiter. Im vergangenen Jahr erschien seine Aufsatzsammlung: Bücher zwischen zwei Kriegen. Verlagsgründungen im frühen 20. Jahrhundert. Stuttgart: Hauswedell 2021. Wir gratulieren herzlich und freuen uns auf alles Weitere.

Hans Altenhein, 1987

Der hier als Typoskript-Faksimile dokumentierte Vortrag erscheint erstmals in gedruckter und kommentierter Form in: Hans Altenhein: Das Taschenbuch-Projekt. Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Jörg Döring und Ute Schneider. Leipziger Arbeiten zur Verlagsgeschichte Vol. 5. Stuttgart: Hauswedell 2023.