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Der Beitrag möchte das Missverständnis korrigieren, den „Follower“ im Sinne digitaler Plattformen wie Twitter oder Facebook als Gefolgschaft im Sinne totalitärer oder autoritärer Herrschaft aufzufassen. Das Eskalationspotential Sozialer Medien wird dagegen anders gefasst: als bedrohliche Popularität. Der Beitrag verfolgt vier Thesen, die das Forschungsprogramm des SFB 1472 Transformationen des Populären aufgreifen:

  1. Positionen, Interventionen, Meinungsäußerungen etc. werden dann als Brüche mit gesellschaftlichen Usancen, dem Common Ground, dem Boden der Verfassung, den guten Sitten etc. dann abgelehnt, wenn sie populär geworden sind und nachweislich hohe Beachtung gefunden haben. Aus dieser Beachtung durch viele und der gleichzeitigen Ablehnung durch Gatekeeper, traditionelle Eliten etc. geht „bedrohliche Popularität“ hervor. Sie wird von beiden Seiten so gesehen: Von denen, die mit ihren Positionen die etablierten Ordnungen attackieren, und von denen, die diese Positionen als Herausforderung erfahren, als Bedrohung des Gemeinwesens, der Demokratie etc. ausgeben und zu exkludieren suchen.
  2. Die Exklusion dieser Positionen muss gerechtfertigt werden, und zwar deshalb, weil sie nachweislich populär sind. Die Zahl der Follower, der Likes, Comments, Retweets etc. wird in den sozialen Medien und ihren digitalen Peritexten instantan registriert und repräsentiert. Die Rechtfertigungen der Exklusion nimmt Usancen, Traditionen, Sitten ihren Latenzschutz und setzt sie dem Risiko aus, das Selbstverständlichkeiten in Kontingenzen verwandelt werden.
  3. Die Abwehr der „bedrohlichen Popularität“ als unanständig, unmoralisch, böse, faschistisch, intolerant etc. sorgt zugleich für ihre permanente Thematisierung in den alten und neuen Medien und verstärkt so weiter ihre Popularität. Umgekehrt können die Vertreterïnnen dieser Positionen eine wachsende Gefolgschaft für sich reklamieren: Die Popularität rechtfertigt die Legitimität ihrer Positionen.
  4. Je populärer, desto bedrohlicher.

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Zitierweise

Werber, Niels (2023): „Bedrohliche Popularität“, in: Anne Ganzert, Philip Hauser und Isabell Otto (Hg.): Following. Ein Kompendium zu Medien der Gefolgschaft und Prozessen des Folgens. Berlin/Boston, S. 91–102.