Tagungs­be­richt: Pop und Popu­­lis­mus in den Unter­ha­l­tungs­­­ma­­ga­­zi­­nen um 1933 (2023)

Sabina Becker (Copyright: Antonia Porst)

Der Übergang von der Weimarer Republik zum nationalsozialistischen Regime ist gekennzeichnet durch Brüche und Kontinuitäten. Dies zeigt sich exemplarisch an Unterhaltungsmagazinen, die um 1933 als Inkubatoren von Populärkultur wirken. Sie zeugen von einer Veränderung der sich wechselseitig beeinflussenden Gesellschaft und ihrer Medien. Während jüdische Kulturschaffende ihre Teilhabe an der Kulturlandschaft gewaltsam verlieren, publizieren viele Institutionen und Akteur*innen weiterhin. Für manche Zeitschriften bedeutet das NS-Regime Arisierung, für andere die Verbrennung ihrer Produkte und die Auflösung – für wieder andere die Publikation aus dem Exil.
Die Tagung „Transformationen des Populären. Pop und Populismus in den Unterhaltungsmagazinen um 1933“, organisiert von Anna Seidel (Innsbruck) und Maren Lickhardt (Innsbruck), stellte die Frage nach eben jenen Brüchen und Kontinuitäten, die die Magazine als Indikatoren für die Populärkultur um 1933 prägen.

Sebastian Donat, Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck, eröffnete am Montagnachmittag die Tagung mit Worten zu Transformation und Zäsur, Kontinuität und Bruch, Wasser (Neptunismus) und Vulkan (Plutonismus). Damit ordnete er die Tagung in ein komplexes Spannungsverhältnis ein, das mit dem Holocaust ein historisches singuläres Verbrechen mindestens erlaubt und an vielen Stellen begünstigt hat und das Parallelisierungen zur aktuellen Gemengelage erlaubt.
Als Zweite sprach Anna Seidel (Innsbruck) als Organisatorin eröffnende Worte. Sie verortete die Tagung in das Teilprojekt „Präfigurationen von Pop in den Unterhaltungsmagazinen der 1920er Jahre“ des Sonderforschungsbereichs „Transformationen des Populären“. Anhand der Geschichte des UHU-Verlages und des Magazins Die Dame, das auch nach 1933 fortbestand, erläuterte sie exemplarisch den Ansatzpunkt der Tagung, für die die Zeitschriften als Material konkret in den Blick genommen werden sollten.

Den ersten inhaltlichen Beitrag leistete Sabina Becker (Freiburg) mit ihrer Keynote „Aufbruch in die Moderne: Die Massen- und Populärkultur der Weimarer Republik“.
Sie setzte die gescheiterte Demokratisierung der Weimarer Republik in Kontrast zu gesellschaftlicher und kultureller Progressivität, die Entstehung der Jugend als kulturelles Phänomen sowie die Neustrukturierung von Arbeit und das damit einhergehende Konzept der Freizeit. Unter den Konditionen der Massengesellschaft, so argumentierte Becker, führten Prozesse der Modernisierung, Demokratisierung, Urbanisierung, Technisierung und Amerikanisierung sowohl zu einer Widerständigkeit und Entgegensetzung einer Hochkultur als auch zu einem positiven Pluralismus in der Gesellschaft.
Die Öffnung zur Massenkultur ließ sich letztendlich dennoch, so Becker, leicht in den Nationalsozialismus integrieren. Sie eröffnete zum Abschluss Fragen zu Pop nach und entgegen einer Kultur der Tiefe sowie nach den folgenden Veränderungen in Gesellschaft und Kultur.

Der zweite Tagungstag begann unter Moderation von Maren Lickhardt mit dem Vortrag von Ulrike Zitzlsperger (Exeter): „(Unterhaltungs)Werte: Die Woche, 1925“. Sie stellte ihre Lektüre zweier Ausgaben des Magazins Die Woche aus dem Jahr 1925 vor und diskutierte sie entlang der Frage nach Instruktionen an die Leser*innen durch Text und Bild. Das konservative Blatt Die Woche popularisierte durch Werbeanzeigen, Bilder und Artikel Körperbewusstsein, Sport und Technik, wobei Visualität eine große Rolle spielte. Durch die Vermittlung von Sicherheiten und Unterhaltungswerten, unter anderem durch den Fokus auf Körper und Alltag, passte Die Woche einige Jahre später fast nahtlos in die NS-Zeit hinein.

Zusätzlich zum Visuellen wurde im nächsten Vortrag von Chris Flinterman (Groningen): „Das Ende des Tanzes? Schlager, Jazz und ihre Tänze in den Unterhaltungsmagazinen der 1930er Jahre“, auch das Auditive behandelt. Er stellte die Frage, ob der Diskurs um Jazz, Schlager und Tanz um 1933 von Brüchen oder Kontinuitäten zeugte.
Flinterman erläuterte die ambivalente, aber nicht durchgehend negative Darstellung von Afro-Kultur und schwarzen Musiker*innen bzw. Jazz als ursprünglich afroamerikanisch hervorgebrachter Musikrichtung. Um 1933 sei ein Schwinden der Popularität von Jazz und Tänzen wie dem Charleston zu verzeichnen, elegantere und vermeintlich zivilisiertere Tänze sowie klassische Musik seien in Empfehlungen des Magazins Querschnitt zu finden. Flinterman argumentierte, dass trotzdem eher eine Kontinuität als ein deutlicher Bruch zu verzeichnen sei. Demnach reihte sich die nationalsozialistische Kritik an Jazz in die bereits vor dem Jahr 1933 artikulierte Kritik ein.

Die Münchner Kunst- und Literaturzeitschrift Die Jugend, gegründet von Georg Hirth und Fritz von Ostini, wurde von 1896-1940 vertrieben. Michael Pilz (Innsbruck) widmete sich ihr in seinem Vortrag „‚Olle Schraube‘ oder Ort des Widerstands? Die Münchner ‚Jugend‘ in den 1930er Jahren“. Er zeichnete mit Fokus auf die Kunstdrucke der Titelseite die Geschichte des Magazins nach. Während die Zeitschrift bis 1928 farbgedruckte Kunstwerke popularisierte und Kunstblatt, Literaturzeitschrift und Witzblatt in einem war, zeigt sich ab 1930 im Nachdruck von Archivbildern ein Abfall der Neu- und Einzigartigkeit. Pilz stellte die Frage nach der politischen Positionierung der Zeitschrift sowie nach dem Druck – von oder gegen rechts – dem sie ausgesetzt war. Mit dem Ende des Magazins nach einem Verlagswechsel, einer Ummodellierung zur Fotoillustrierten und einem Verlust des Farbdrucks, schloss auch der Vortrag. Ob die Wahl von Archivbildern auf Titelseiten letztendlich Geldmangel oder politischem Druck geschuldet war, wurde auch in der nachfolgenden Fragerunde diskutiert.

Der zweite Block des Tages, moderiert von Anna Seidel, beinhaltete zwei Vorträge zu Frauen(bildern). Bilder von Weiblichkeit wurden von Jochen Hung (Utrecht) in seinem Vortrag „‚Junge Mädchen‘ and ‚Daughters of the Sky‘: Transatlantic Changes in the Construction of Femininity after 1930“ verhandelt. Ausgangspunkt des Vortrags war der Wandel vom amerikanisch beeinflussten Girl-Typus der 20er, der in den 30er Jahren vom Jungen Mädchen abgelöst worden sei, wie Hung anhand von Fotografien aus dem Magazin Querschnitt und anhand von Axel Eggebrechts Buch „Junge Mädchen“ (1932) argumentierte. Eine alleinige Erklärung dieses Wandels durch den Aufstieg des Nationalsozialismus sei jedoch nicht ausreichend. Stattdessen führte er in einem Vergleich deutschsprachiger mit amerikanischen Magazinen einen globalen Wandel der Repräsentation des Frauenbilds an, der sich auch schon vor 1933 abzeichnete und von einer Reihe verschiedener Akteur*innen beeinflusst worden war.

Anschließend sprach Walter Fähnders (Osnabrück) zu „Ruth Landshoff-Yorck (um) 1933 – Feuilleton, Roman, Lyrik“. Fokus lag auf dem bisher wenig erforschten Schlüsselpunkt 1933, nach dem die jüdische Autorin Deutschland verlassen musste und zuerst nach Frankreich, dann in die USA emigrierte. Fähnders stellte die letzten in Deutschland und Österreich veröffentlichten Publikationen vor, ihren nicht mehr erschienenen Roman Leben einer Tänzerin sowie im Selbstverlag erschienene Lyrikbände. Politische Implikationen und populäre Narrative, aber auch die subversiv-emanzipatorische Stimme aus der Generation der wehrhaften Mädchen bis hin zu konkret antifaschistischen Inhalten aus dem Exil wurden erörtert.

Den Abschluss des zweiten Tagungstages bildete ein Besuch im Innsbrucker Brenner-Archiv. Die Leiterin Ulrike Tanzer (Innsbruck) zeigte dabei zunächst die Archivschätze, wie Briefe von Georg Trakl und Ludwig Wittgenstein. Im Anschluss bereicherte die stellvertretende Leiterin Ursula Schneider (Innsbruck) die Tagungsinhalte durch eine spezialisierte Führung, bei der sie passgenau ausgewählte Materialien zum Thema Populärkultur präsentierte. Hierbei konnte besonders ein Tagebuch von Paula Schlier die Tagungsteilnehmer*innen begeistern.

Den finalen Tagungstag begannen – unter Moderation von Ute Schneider (Mainz), Kollegin im SFB „Transformationen des Populären“ – Kerstin Barndt (Ann Arbor) und Johannes von Moltke (Ann Arbor). Sie fokussierten das Magazin Film-Welt in dessen erstem Jahrzehnt, das unter anderem zur Popularisierung der Amateurfotografie beitrug und durch abgedruckte Leser*innenbriefe einen dialogischen Charakter aufwies. Konkret wurde dabei entlang von Beobachtungen zu Publikumsimagination, Klassen- und Geschlechtsidentitäten und Popularisierung die Frage nach dem Wandel des Dialogs im Übergang zum Nationalsozialismus gestellt. Herauszuheben seien, so argumentierten die Vortragenden, sowohl Kontinuitäten als auch Brüche. Einerseits gab es die Entwicklung zu einem arisierten Parteiverlag mit entsprechend nazifizierten Inhalten und Dialogen, andererseits auch eine Fortführung des Werbediskurses und kultureller Inhalte. Diskutiert wurden im Anschluss die Zeitschrift als Präfiguration von Pop im Sinne von sozialen Medien sowie die Gleichzeitigkeit von Modernität, Propaganda und Partizipation.

Eine sehr unterschiedliche Verlags- und Magazingeschichte stellte Anna Seidel (Innsbruck) vor: „Kontinuitäten im Bruch – die Arbeiter Illustrierte Zeitung“. Auch diese Publikation zeichnete sich durch starke Präsenz von Fotografie aus und zusätzlich durch linke und kritische Berichterstattung. Seidel diskutierte den deutlichen Bruch im Jahr 1933, ab dem die AIZ aus dem Prager Exil veröffentlicht werden musste, und fragte nach Kontinuitäten in diesem Bruch, die sich unter anderem in der anhaltenden kritischen Berichterstattung sowie dem Thema Sport und in der Reklame zeigen ließen.
Vorgreifend der Abschlussdiskussion kam im Anschluss an den Vortrag bereits das Thema der Kontinuität und deren Konsequenzen auf, wobei die AIZ mit dem deutlichen Bruch durch das Exil anderen Zeitschriften gegenübergestellt wurde, die im nazifizierten Deutschland weiterpubliziert wurden.

Die Überleitung zur abschließenden Diskussion wurde durch Maren Lickhardt in ihrem Vortrag „Resilienz, Resistenz und Anpassung als Reaktionsformen des Populären auf den NS in Unterhaltungsmagazinen um 1933“ geleistet. Anhand der Zeitschriften Das Magazin und Das Leben erläuterte die Vortragende ihre Suche nach Spuren der politischen Zäsur. Das Ausfallen einer deutlichen, schlagartigen und als zwanghaft sichtbaren Anpassung an den NS führte dabei, so schloss Lickhardt, zu einem vermeintlichen Nullresultat. Es ließe sich konstatieren, dass die Invisibilisierung der Zäsur in diesen Zeitschriften vermutlich ungewollt zur Normalisierung des NS beigetragen habe. Die kapitalistische Konsumkultur jedenfalls funktioniert wertefrei vor und nach 1933 und lässt sich gut in den NS integrieren.

In der Abschlussdiskussion ließen die Vortragenden und Beteiligten die drei Tage Revue passieren und nannten Ausblicke und Desiderate. Dabei kam das Verhältnis von Pop-Kultur, Modernisierung und Demokratisierung auf. Zentral diskutierten die Teilnehmer*innen auch Kontinuitäten versus Brüche anhand der Frage nach Diskursverschiebungen zwischen der Vorkriegs- und der Nachkriegszeit. Welcher Zeitschrift blieb das Stammpublikum überhaupt erhalten? Welche Publikation musste sich ein neues Publikum suchen?
Dass Kontinuitäten und Brüche – im Kontext einer so singulären Situation wie dem Übergang der Weimarer Republik zum nationalsozialistischen Deutschland – nur in einem unauflösbaren Spannungsverhältnis beschrieben werden können, wurde zum Ausgangs- und Endpunkt der Tagung.

Eine Tagungspublikation in Form einer Sonderausgabe der Kulturwissenschaftlichen Zeitschrift ist geplant.

Tagungsprogramm

Organisatorin Anna Seidel im Gespräch zur Tagung mit Anna Obererlacher für das Magazin Uni Konkret im Freirad Innsbruck.

Autorin: Antonia Porst

Weitere Beiträge

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Konfe­renz

10. Juli – 12.Juli 2023
Universität Innsbruck, Claudiana
Herzog-Friedrich-Straße 3
6020 Innsbruck

10.07.23
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