Konferenz

21. – 23. November 2023
Ort: AH-A 217/218

Veranstaltet von Prof. Dr. Michael Multhammer, Prof. Dr. Joseph Imorde und Prof. Dr. Hans Rudolf Velten.

Populär ist, was bei vielen Beachtung findet. Diese Grundüberlegung des Siegener SFB 1472 „Transformationen des Populären“ soll auch als Ausgangspunkt dieser Tagung dienen, die jedoch weniger die wünschenswerte Beachtung selbst und das Verhältnis zu ihr in den Blick rückt, sondern deren abzulehnende Kehrseite im Sinne tatsächlich statthabender und zugleich unerwünschter Beachtung. Dementsprechend stellt sich die Frage: Was passiert, wenn Beachtungserfolge und dasjenige, worauf sie gründen, von normativen Instanzen und Wächtern des kulturellen Lebens (Gatekeeper wie etwa Kenner, Kritiker, Verleger, etc.), als minderwertig, und am Ende gar völlig unerwünscht angesehen werden? Wie sind Artefakte, kulturelle Strömungen, politische Meinungen zu klassifizieren, die nachweislich große Beachtung finden – mithin also alle Kriterien, populär zu sein, erfüllen –, gleichwohl aber von meinungsbildenden Instanzen im öffentlichen Raum abgelehnt werden oder als abzulehnen vorgestellt werden, zu bewerten?
Dergestalt soll ein zentraler Begriff in den Fokus rücken, der unerwünschte Popularität im Sinne einer doppelten Wertung diskreditiert: das Vulgäre. Doppelt ist diese Wertung insofern, weil sie immer eine sowohl ästhetische wie auch moralische Stoßrichtung besitzt. Vulgäres wird nicht nur aus einer kunstkritischen Warte häufig als minderwertig angesehen (zunächst ist ganz gleich, welche inhaltlichen Argumente dazu gebraucht werden), sondern zugleich ist es auch moralisch verdächtig – das Vulgäre gerät mithin immer auch in den Verdacht, unsittlich und der Moral schädlich zu sein. Beide Seiten des Verdikts fallen sowohl auf die Urheber wie auch Rezipient zurück. In beiden Fällen, ästhetisch wie moralisch, wird – analog zum Begriff des Populären – der Ursprung im (niederen) Volk zum vermeintlichen Maßstab für Minderwertigkeit und Mangel an Niveau und Qualität. Die Abwertung funktioniert über Semantiken der Breite, der Masse, des Wertes und Preises (billig) sowie auch der niedrigen Stellung, dem Ursprung im ‚Gemeinen‘. Diese dem Vulgären, das erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts als französisches Lehnwort im Deutschen Eingang findet, verwandten Begriffe bilden gleichsam den Ausgangspunkt, um über das komplementäre Verhältnis des Populären und des Vulgären im Ausgang der Vormoderne adäquat nachzudenken.

Programm

21.11.23

17:00 Uhr

Get together

21.11.23

17:30 Uhr

Joseph Imorde, Michael Multham­mer, Hans Rudolf Velten: Begrü­ßung und Einfüh­rung

21.11.23

18:00 Uhr

Eröff­nungs­vor­trag von Valen­tin Groeb­ner: Über­all häss­li­che Touris­ten: Über Distan­zie­rungs­be­dürf­nis.

21.11.23

19:30 Uhr

Gemein­sa­mes Abend­es­sen

22.11.23

09:30 Uhr

Korbi­nian Lindel: „Ars popu­la­ris". Eine kunst­the­o­re­ti­sche Debatte der Hoch­auf­klä­rung.

22.11.23

10:30 Uhr

Hans Rudolf Velten: Perfor­ma­tive Proto­for­men des Vulgä­ren: turpi­lo­quium und scur­ri­li­tas im Mittel­al­ter bis zu Hein­rich Witten­wi­lers „Der Ring“ (1410).

22.11.23

11:30 Uhr

Pause

22.11.23

12:00

Lisa Hecht: Von Eulen und Affen­hin­tern – Vulgä­rer Humor in den Portraits des Heidel­ber­ger ‚Hof­zwer­gen‘ Perkeo.

22.11.23

13:00 Uhr

Mittag­es­sen

22.11.23

14:30 Uhr

Yashar Mohagheghi: Vulga­res libri. Der kriti­sche Diskurs um die Popu­la­ri­sie­rung des Prosa­ro­mans.

22.11.23

15:30 Uhr

Roman Widder: Zwei Formen der Vulga­ri­tät, drei Formen der Komik: Gryphi­us‘ Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz.

22.11.23

16:30 Uhr

Pause

22.11.23

17:00 Uhr

Michael Multham­mer: Zur Komple­men­ta­ri­tät des Nied­ri­gen und Erha­be­nen bei Schil­ler

22.11.23

18:30 Uhr

Gemein­sa­mes Abend­es­sen

23.11.23

10:00 Uhr

Martin Mulsow: „Mais que ce ne soit rien de commun, ni de vulgaire!“
Obszö­ni­tät, Kenner­schaft und die Ableh­nung des Vulgä­ren von Adriaan Bever­land bis August von Sach­sen-Gotha-Alten­burg.

23.11.23

11:00 Uhr

Jörg Robert: Mist im Sonanz­bo­den – Schil­lers Poetik des Vulgä­ren.

23.11.23

12:00 Uhr

Pause

23.11.23

12:30 Uhr

Vikto­ria Ehrmann: Zu bunt! Lite­ra­tur- und kunst­his­to­ri­sche Beob­ach­tun­gen zum Vorwurf der Bunt­heit (1700/1800/1900) - Erster Teil

23.11.23

13:30 Uhr

Mittag­es­sen

23.11.23

15:00 Uhr

Mirja Beck: Zu bunt! Lite­ra­tur- und kunst­his­to­ri­sche Beob­ach­tun­gen zum Vorwurf der Bunt­heit (1700/1800/1900) - Zwei­ter Teil

23.11.23

16:00 Uhr

Joseph Imorde: Vulgäre Bunt­heit. Zur Bewer­tung farbi­ger Repro­duk­ti­o­nen um 1900.

23.11.23

17:00 Uhr

Pause

23.11.23

17:30 Uhr

Abschluss­dis­kus­sion

23.11.23

18:30 Uhr

Gemein­sa­mes Abend­es­sen