Pop heute II. Mikro-Trends und die Nischi­sie­rung des Main­stre­ams (2023)

  • Elena Beregow

Pop heute. Diesem Thema widmet sich die Jubiläumsveranstaltung der "Pop-Zeitschrift", die am 24. Mai im Museum Ludwig in Köln stattfinden wird. Das Programm findet man hier. Im Vorfeld haben sich die Gäste in kurzen Essays Gedanken zur Frage "Was ist Pop heute" gemacht. In diesem Essay schreibt Elena Beregow über Mikrotrends und die Nischisierung des Mainstreams. Zu den anderen Essays findet man hier: Pop heute I, Pop heute III und Pop IV

Pop heute hat den Gegensatz von Mainstream und Subkulturen überwunden. Befürchtungen, damit sei Pop insgesamt an seinem Ende angelangt, muss das aber nicht wecken. Pop ist so nischig und so schräg wie nie. Gegenüber einer relativ stabilen Zugehörigkeit zu Subkulturen oder Szenen (die es unbestritten nach wie vor gibt) werden hierfür aber Mikrotrends wichtiger, die Mode, Musik und digitale Bildästhetiken durchwandern. Nach Normcore kamen Gorpcore, Dadcore, Weirdcore, Cottagecore, Bimbocore und viele mehr.

Diese Mikrotrends zeichnen sich durch eine relativ kurze Dauer und wechselseitige Überlagerung aus. Sie leben von ihrer Selbstthematisierung und Selbstbehauptung (als new thing), sie brauchen die -core-Labels, die mal eingängig, oft aber auch rätselhaft, ja esoterisch sind. Sie wissen um ihre Flüchtigkeit und nehmen sich selbst nicht allzu ernst, richten sich aber genauso wenig vollständig in ironischer Distanz ein. Sie müssen zirkulieren, wiederholt und behauptet werden, um wirksam zu sein. Die Labels sind von vornherein als Hashtag aufgebaut und damit durch und durch postdigital konfiguriert – gar nicht mehr zu trennen von den Interfaces, Oberflächen und Ausdrucksformen von Social Media, von Memes, Selfies, Likes und Filtern.

Das macht Pop heute einerseits hypergegenwärtig, andererseits hört das Stöbern im Pop-Archiv mit den Mitteln des Postdigitalen nicht auf. Seit einiger Zeit sind die frühen 2000er Jahre Gegenstand popkultureller Faszination, was sich in der ganzen Breite der Popkultur (Mode, Musik, Serien, Social Media) abbildet. Unter dem Schlagwort Y2K ist die 2000er-Sensibilität im Alltag in Form von Low-rise-Cargohosen, bauchfreien Tops und chunky Sneakern lange angekommen. Wenn es darum geht, solche Pop-Phänomene kritisch einzuordnen, ist schnell von Retromanie oder Nostalgie die Rede – verbunden mit der Vermutung, diese beförderten eine konservativ-sentimentale oder gar entpolitisierte Haltung. Solche Diagnosen machen es sich aber zu leicht, wenn es darum geht, Pop heute zu verstehen. Denn sie machen blind für seine spezifischen und oft ambivalenten Ästhetiken.

Richten wir den Blick schlaglichtartig auf aktuelle Mikrotrends, die mit der 2000er-Sensibilität in Verbindung stehen. Einer der letzten ist romcom-core. Die verträumte Stimmung der romantischen Komödie um 2000 wird neben bestimmten Looks durch eine Ästhetisierung des Alltags erreicht, durch die man sich zum „main character“ eines Skripts macht („channeling your inner Meg Ryan“). Romcom-core kultiviert ein Genre, das als besonders naiv, belanglos und künstlerisch minderwertig gilt – ein Genre zudem, das als Unterhaltung für Frauen belächelt wird. Wenn die entsprechende Mode nun zitiert wird, geschieht etwas Neues damit, und Vorstellungen von Liebe, Geschlecht und legitimer Kultur werden möglicherweise neu ausgehandelt.

Ein ganz anderes Phänomen, das den Geist der 2000er wachruft: Sped-up-Versionen von Popsongs auf TikTok. Von nahezu jedem Popsong, ob aktuell oder älter, findet man auf Youtube, Spotify etc. eine beschleunigte Version mit hochgepitchter Chipmunk-Stimme und peitschenden Beats, der Nightcore der frühen 2000er lässt grüßen. Alte Pophits werden so in verfremdeter Weise neu gehört; geschaffen wird eine verzerrte, gemorphte Nostalgie, die der eigenen Erinnerung nicht traut. Es ist eine Nostalgie, die sich mit den allgemein zugänglichen technologischen Mitteln der Gegenwart (Apps, Programme) zu einer Ästhetik der Unruhe, des Düsteren, Aufgekratzten und Abhandengekommenen verbindet, indem sie die Grenzen des Hörbaren ausreizt.

Diese Phänomene und Mikrotrends sind dem Herzen des Pop-Mainstreams (bzw. im Fall von Nightcore bereits seiner überdrehten Übersteigerung) entlehnt. In ihrer heutigen Aneignung als Mikrotrends sind sie aber weird, nischig und esoterisch, ohne an bestimmte Szenen gebunden zu sein. Sie erlauben eine Auseinandersetzung mit dem Jetzt, die neben der Spur ist und zwischen Nostalgie und Futurismus oszilliert. Dieses Dazwischen ist kein Zufall, denn ein emphatischer Bezug auf die Zukunft ist angesichts diverser Krisenerfahrungen zweifellos prekärer geworden.

Tatsächlich mehren sich die No-future-Momente, man denke an die Ästhetik der Langeweile, Pharmazeutika und Depression oder an die aktuell wieder steigende Attraktivität des Rauchens (von Tabak!). Zum Wort des Jahres 2022 hat das Oxford English Dictionary „goblin mode“ gekürt – das scheint narrativ fast konsequent nach „Post-Truth“, „toxic“, „climate emergency“ und „vax“. Goblin mode meint „ein demonstrativ egomanes, faules und schludriges Verhalten, jegliche Erwartungen an einen selbst ablehnend“, wie es in der Pressemitteilung heißt.
In dieser Konstellation verschmilzt die Popkultur immer mehr mit Bereichen, die üblicherweise als popfern gelten und sich nicht ohne weiteres mit klassischen Pop-Kriterien wie Künstlichkeit, Oberflächlichkeit oder Äußerlichkeit zusammenbringen lassen. Zwei davon seien hier in aller Kürze skizziert: Politik und Religion. Die Zeiten einer unpolitischen Popkultur sind vorbei. Die 1990er und 2000er mit ihrer Rom-com- und Sitcom-Kultur mögen auf den ersten Blick nostalgisch zurückersehnt werden, weil die Welt damals vermeintlich noch in Ordnung war: unbeschwert, leicht, sorglos.

Dass diese Kultur aus heutiger Sicht aber schwer zu idealisieren ist, wenn es etwa um Geschlechterrollen und Körperbilder geht, dass es kaum Sensibilität für das gab, was wir heute bodyshaming oder slutshaming nennen, dass es sich um ein fast rein weißes Genre handelt – all das springt einen heute regelrecht an, ohne dass man dazu sonderlich viel kritische Sensibilität aufbringen müsste. Denn der zeitgenössische Blick ist sozialisiert durch Netflix-Produktionen, Werbungen und Musikvideos, die Diversität, Feminismus, Body und Queer Positivity hochhalten. ProSieben gendert. Transfrauen bei Germanys Next Topmodel sind so normal, dass das keiner großen Thematisierung mehr bedarf.

Das ist der Mainstream der heutigen Popkultur. Ohne Zweifel ist Sexismus nach wie vor allgegenwärtig, und das neue Vokabular von Diversität, Empowerment und Feminismus folgt einer gut konsumierbaren, marktförmigen und gouvernementalen Logik. Es ist aber genau die Allgegenwart jener entleerten und lifestyligen Labels, die Popkultur fortlaufend politisiert und Themen wie Sexismus auf relativ einfache Weise adressierbar macht.

Dass in einer solchen Popkultur-Landschaft – postdigital, mikrotrendig, goblinartig gemorpht, politisiert – Religion eine Rolle spielt, mag vielleicht auf den ersten Blick überraschen. Auf dem aktuellen Album von Lana Del Rey, „Did you know that there’s a tunnel under Ocean Blvd“ ist auf dem Track „Judah Smith Interlude“ eine Predigt des gleichnamigen Pastors der überkonfessionellen Kirche „churchome“ zu hören.

Es handelt sich um eine „Celebrity Megachurch“, an deren Messen neben Lana Del Rey auch Justin Bieber, Kanye West, die Kardashians und Tausende Millenials und Zoomer regelmäßig teilnehmen – vor Ort und auf Social Media. Ebenso titelte die New York Times kürzlich „New Yorks Hottest Club is the Catholic Church“, mit Bezug auf beliebte Podcasts und Celebrities, die sich dem Katholizismus zuwenden. Selbst hierzulande konnten wir neulich der Ikone der Popliteratur, Rainald Goetz, dabei zuhören, wie er die (katholische) Messe als Party zelebrierte.

An Podcasts wie „Red Scare“ kann man sehen, wie Katholizismus sich selbst in die Logik der Mikrotrends einfügt: #red scare podcast #catholic girl #trad wife #fawn bambi #coquette russian #bimbocore #lana del rey #slavic girl – so einige der Hashtags, die den dezidiert antiwoken Geist des Podcasts zwischen Neoliberalismuskritik, Psychoanalyse und dem Flirt mit traditionellen Geschlechterrollen zusammenfassen. Lana Del Rey ist hier eine feste Inspirationsquelle. Ihre Fans reagieren teils entsetzt auf das neue Album, denn der gefeierte Judah Smith ist für Aussagen gegen Abtreibung, Homosexualität und Sex vor der Ehe bekannt, von denen er sich trotz inklusiver Parolen nie distanziert hat.

Religion und Politik gehen eine tiefe Fusion mit der heutigen Popkultur ein. Religion wird einerseits selbst zum Mikrotrend und zum hot take, zeigt aber auch, dass Popkultur keineswegs immer progressiver, inklusiver und emanzipativer wird. Trotz des inhärenten Pop- und Camp-Appeals des Katholizismus (Scheu, Exzess und Obsession) ist dieser mehr als reines Zitat und schon gar keine Satire (wie verzweifelte Fans Lana Del Rey unterzuschieben versuchen). Nein, es geht hier um echten Glauben, der inspiriert durch und mit den Mitteln der Popkultur selbst betrieben wird. Oder wie Papst Franziskus es auf Twitter ausdrückte: Maria war die erste Influencerin, die „Influencerin“ Gottes.