Jahres­ta­gung 2021 - Die Unwahr­schein­lich­keit des Popu­lä­ren

04. - 05. November 2021

Die Jahrestagung wird am Donnerstag in Präsenz in der Martinikirche stattfinden. Am Freitag wird das Programm online via Zoom fortgesetzt.

04.11.21

04.11.2021
Martinikirche Siegen
Grabenstraße 27
57072 Siegen

05.11.2021
via Zoom (der Link wird nach der Anmeldung bereitgestellt)

Anmeldung:
Alinda Brandt
alinda.brandt@student.uni-siegen.de

„Populär ist, was bei vielen Beachtung findet.“

Mit dieser Minimalbestimmung, die zunächst keine Aussagen über Umfang und soziale Teilhabe, Gründe und Funktionen, Inhalte und Wirkungen des Populären enthält, untersucht der SFB 1472 „Transformationen des Populären“ die Gegenwart populärer Kulturen und ihre Vorgeschichte(n). Ein solch mageres Konzept des Populären rückt etwas in den Blick, das von elaborierteren Theorien des Populären tendenziell verdeckt wird: Die Unwahrscheinlichkeit des Populären. Denn dass etwas bei vielen Beachtung findet, dass viele verschiedene Individuen an verschiedenen Orten, in verschiedenen Situationen und Handlungszusammenhängen von etwas Notiz nehmen und dass dies beobachtet wird, ist alles andere als selbstverständlich.

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts musste das Populäre nach Maßgabe geltender Bewertungsregime seine kulturelle Würde beweisen, um nicht abgewertet zu werden. Heute gelten dagegen hochkulturell gepflegte Gegenstände schnell als überflüssig oder elitistisch, wenn sie nicht quantitativ überzeugende Beachtungserfolge erzielen. Diese Umkehr der Beweislast kultureller Relevanz, durch die sich das gesellschaftliche Selbstverständnis des Kulturellen tiefgreifend ändert, beruht entscheidend auf den sich historisch wandelnden Beobachtungspraktiken des Populären, auf der Herstellung, Verbreitung und Verhandlung von Popularitätsbehauptungen und -deutungen, Rankings und Ratings, Verkaufs- und Bestenlisten, Charts und Hitparaden, Klicks und Likes.

Programm

04.11.21

09:15

Ankunft – Eröff­nung der Jahres­ta­gung durch Prorek­tor Prof. Thomas Mannel und den SFB-Spre­cher Prof. Niels Werber

04.11.21

10:00

Kaspar Maase (Tübin­gen): Ist alltäg­li­ches ästhe­ti­sches Erle­ben popu­lär?

04.11.21

12:15-13:30

Mittags­pause

04.11.21

13:30

Stef­fen Mau (Berlin): Digi­tale Scorings als Status­mar­ker. Eine ungleich­heits­so­zio­lo­gi­sche
Annä­he­rung

04.11.21

14:30

Tobias Werron (Biele­feld): Trans­for­ma­tive Popu­la­ri­sie­rung: Wie die heuti­gen Rankings
entstan­den sind

04.11.21

15:30

Kaffee­pause

04.11.21

16:00

Ethel Matala de Mazza (Berlin): Do the Loco­mo­tion. Über Unru­he­stif­ter unter deut­schen Bahn­tou­ris­ten und ihr Reise­feuil­le­ton (1848ff.)

05.11.21

10:00

Klaus Nathaus (Oslo): Die List der Hitlis­ten. Charts, Reper­toires und der trans­at­lan­ti­sche
Musik­markt, 1945-1965

05.11.21

11:00

Julika Griem (Essen): Sport, Spiel, Span­nung? Popu­la­ri­täts­ver­spre­chen und Popu­la­ri­sie­rungs­an­for­de­run­gen in der Wissen­schafts­kom­mu­ni­ka­tion

05.11.21

12:00

Mittags­pause

05.11.21

13:00

Ruth Wodak (Lancas­ter/Wien): Die Fikti­o­na­li­sie­rung von Poli­tik – diskurs-analy­ti­sche Perspek­ti­ven

05.11.21

14:00-ca.16:00

Wrap-Up und Abschluss­dis­kus­sion

Abstracts

Kaspar Maase

Ist alltägliches ästhetisches Erleben populär?

Das Konzept des Populären wird zunehmend mit Unbehagen verwendet. Hilft es, wenn man statt primärer Orientierung auf Werke und Texte Nutzer:innen und Gebrauchsweisen ins Zentrum empirischer Studien wie systematischer Strukturierung rückt? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung wird der Vortrag erörtern, ob und wie man alltäglichen von expertenhaftem Umgang mit Massenkultur und Künsten unterscheiden kann.

Tobias Werron

Transformative Popularisierung: Wie die heutigen Rankings entstanden sind

Der Beitrag fragt: Wie kommt es, dass Universitäten, Staaten, Künstler_innen, Krankenhäuser, Hotels und viele andere heute ganz selbstverständlich „gerankt” – d.h. wiederholt mit anderen Akteuren desselben Typs öffentlich verglichen, quantitativ bewertet und visuell relationiert – werden? Da moderne Rankings breitere Publika adressieren und mit einigem Erfolg (auch) die Nichtexperten eines Feldes für ihre Leistungsvergleiche interessieren, kann man sie zu den populären sozialen Phänomenen rechnen. Ebenso bestimmend ist jedoch für sie, dass sie einer ‚seriellen‘ Logik folgen: Sie führen ihre Leistungsvergleiche wiederholt durch und veröffentlichen sie regelmäßig (z.B. in monatlichen oder jährlichen Abständen), um ihr Publikum zu unterhalten und zugleich den verglichenen Entitäten nahezulegen, sich als Konkurrenten um die Gunst jenes Publikums aufzufassen. Wie ein Blick auf die lange (Vor-) Geschichte heutiger Rankings zeigt, hat sich dieses serielle Moment in den meisten Feldern erst seit Anfang der 1980er Jahre eingespielt. Mein Beitrag argumentiert, dass diese ‚Serialisierung‘ – und damit die eigentliche Entstehung moderner Rankings – entscheidend von der ‚Popularisierung‘ quantitativ-tabellarischer Leistungsvergleiche profitiert hat, ja von dieser überhaupt erst ermöglicht wurde. An der Geschichte der Rankings wird so exemplarisch deutlich, dass das Populäre nicht nur selbst Wandel unterliegt, sondern auch Wandel bewirken und neuartige soziale Phänomene anstoßen kann.

Steffen Mau

Digitale Scorings als Statusmarker. Eine ungleichheitssoziologische Annäherung

Der Vortrag nimmt die zunehmende Verbreitung von Scorings für die Bewertung und Klassifikation von Personen zum Anlass, um nach ihrer Rolle für die Zuweisung von Status und Reputation zu fragen. Ausgehend von einer Definition von Scorings und einer allgemeinen Typologisierung wird ausgeführt, wie Scorings sowohl als Statusanzeiger wie auch als Statusgeneratoren wirksam werden. Daran anschließend werden das differenzierungstheoretische Paradigma (Nassehi) und die praxistheoretische Singularisierungstheorie (Reckwitz) darauf befragt, wie sie diesen Aspekt von Scorings interpretieren, um zu zeigen, dass man eine eigenständige ungleichheitssoziologische Herangehensweise benötigt, um die Statusimplikationen zu erfassen. Scorings lassen erkennen, dass sich auch neue Formen der investiven „Datenstatusarbeit“ herausbilden. Darauf aufbauend werden unterschiedliche Modi gekennzeichnet und diskutiert, die für die Ungleichheits- und Reputationseffekte von Scorings typisch sein sollten.

Ethel Matala de Mazza

Do the Locomotion. Über Unruhestifter unter deutschen Bahntouristen und ihr Reisefeuilleton (1848ff.)

Klaus Nathaus

Die List der Hitlisten. Charts, Repertoires und der transatlantische Musikmarkt, 1945-1965

Als vergleichende Messungen von Verkaufs- und Abspielzahlen generieren Charts Informationen, die von Akteuren des Musikmarkts für Repertoireentscheidungen herangezogen werden. Die List dieser Hitlisten besteht darin, dass die Art ihrer Ermittlung manche Musik sichtbar macht und andere ausblendet, was sie zu einem eigenständigen und gewichtigen Faktor des musikalischen Genrewandels macht. Der Vortrag zeigt anhand von amerikanischem und westdeutschen Archivmaterial, wie und mit welchen Folgen in Musikproduktionen mit Hitlisten Repertoirepolitik betrieben wurde. Auf dieser Grundlage wird die Frage diskutiert, ob sich der transatlantische Verbreitungserfolg amerikanischer Copyrights nicht überzeugender als Folge der internationalen Orientierung an amerikanischen Charts denn als Reaktion auf eine gewandelte Nachfrage erklären lässt.

Julika Griem

Sport, Spiel, Spannung? Popularitätsversprechen und Popularisierungsanforderungen in der Wissenschaftskommunikation

Ruth Wodak

Die Fiktionalisierung von Politik – diskursanalytische Perspektiven

Seit einigen Jahren spielen fiktionale Soaps über politische Kontexte/Alltagspolitik eine immer größere Rolle. Solche fiktionalen Dramen haben vielfältige Funktionen, die besonders von rechtspopulistischen/rechtsextremen Parteien instrumentalisiert werden: nämlich Tabubrüche zu liefern, die – so wird konstatiert – durch die Fiktionalität gerechtfertigt seien: Wie repräsentieren nun diese TV-Dramen die Welt der Politik, und was bedeuten solche Narrative für den Bereich der Politik und unser Verständnis davon? Ich nehme an, dass die Fiktionalisierung von Politik und die Politisierung von Fiktion eine simplistische Reduktion der Komplexität des politischen Alltags bieten und damit beim Publikum falsche Erwartungen wecken und zu vorhersagbaren Enttäuschungen führen.