Sex und Front: Märkte für hedonistisches und aktivistisches Lesen in den 1970er Jahren
Sommersemester 2026
Die 1970er Jahre markieren einen tiefgreifenden Wandel der sexuellen Kultur: Antiautoritäre Sexualkultur, radikale Gesellschaftskritik, empirische Sexualforschung und mediale Kommerzialisierung verschränkten sich auf neuartige Weise. Die CRG geht von der Beobachtung aus, dass die sogenannte ‚sexuelle Revolution‘ auf dem westdeutschen Buch- und Zeitschriftenmarkt eine Ausdifferenzierung neuer Lektüreformen hervorbrachte, in denen sich politische, subkulturelle und ästhetische Impulse auf bemerkenswerte Weise überlagerten: Neben hedonistischem Lesen, das sich an ästhetischen, körperlichen und affektiven Erfahrungen orientierte und insbesondere in Pop-, Underground- und Kleinverlagskontexten sichtbar wurde, etablierte sich ein aktivistisches Lesen, das politische, sexualpädagogische und gesellschaftskritische Programmatiken verfolgte, in denen sexuelle Befreiung explizit als Teil politischer Emanzipation verstanden wurde – was sich nicht zuletzt in der Verbreitung von Aufklärungsratgebern und sexualpädagogischen Taschenbüchern manifestierte.
Diese Phänomene sollen als Ausdruck einer breit verstandenen Popularisierung der Sexualkultur untersucht werden, die freilich von Ambivalenzen geprägt war. Forderungen nach sexueller Befreiung gingen einher mit neuen Formen der Kommerzialisierung, der Normierung und der moralischen Aushandlung von Intimität. Gerade diese Spannungen zwischen Liberalisierung, Marktlogiken und politischer Semantisierung sind zentral für das Verständnis der sexuellen Revolution in Westeuropa.