Sex und Front: Märkte für hedo­nis­ti­sches und akti­vis­ti­sches Lesen in den 1970er Jahren

CRG Cooperative Research Groups

Die 1970er Jahre markieren einen tiefgreifenden Wandel der sexuellen Kultur: Anti­auto­ritäre Sexual­kultur, radikale Gesell­schafts­kritik, empirische Sexual­forschung und mediale Kommer­zialisie­rung verschränkten sich auf neu­artige Weise. Die CRG geht von der Beob­achtung aus, dass die sogenannte ‚sexuelle Revo­lution‘ auf dem west­deutschen Buch- und Zeit­schriften­markt eine Aus­differen­zierung neuer Lektüre­formen hervor­brachte, in denen sich politische, subkul­turelle und ästhe­tische Impulse auf bemer­kenswerte Weise über­lagerten: Neben hedonis­tischem Lesen, das sich an ästhe­tischen, körper­lichen und affek­tiven Erfah­rungen orientierte und insbeson­dere in Pop-, Under­ground- und Klein­verlags­kontexten sichtbar wurde, etablierte sich ein aktivis­tisches Lesen, das politische, sexual­pädago­gische und gesell­schafts­kritische Program­matiken verfolgte, in denen sexuelle Befreiung explizit als Teil politi­scher Emanzi­pation verstanden wurde – was sich nicht zuletzt in der Verbrei­tung von Aufklärungs­ratgebern und sexual­pädago­gischen Taschen­büchern manifes­tierte.
Diese Phänomene sollen als Ausdruck einer breit verstan­denen Populari­sierung der Sexual­kultur unter­sucht werden, die freilich von Ambiva­lenzen geprägt war. Forde­rungen nach sexueller Befreiung gingen einher mit neuen Formen der Kommer­zialisie­rung, der Normie­rung und der moralischen Aushand­lung von Intimität. Gerade diese Spannungen zwischen Liberali­sierung, Markt­logiken und politi­scher Semanti­sierung sind zentral für das Verständnis der sexuellen Revo­lution in West­europa.